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Metin Kaplan : „Kalifat oder Tod“

Untergetauchter Islamistenprediger: Metin Kaplan Bild: AP

Metin Kaplan wollte die Türkei zu einem religiösen „Kalifatsstaat“ machen. Dafür nutzte er Deutschland als Basis. Er ließ Abweichler töten und unterhielt Kontakte zu Usama Bin Ladin.

          Es dürfte Metin Kaplan nicht einfach fallen unterzutauchen. Bis zuletzt trat er am liebsten in gut geschnittenen Anzügen, langem Umhang und weißem Bart auf - als wollte er damit seinen Anspruch auf das Kalifat bekräftigen, obwohl die früher von ihm geführte Organisation schon seit 2001 verboten ist.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mit seinem Verschwinden verdeutlichte Kaplan ein weiteres Mal, daß er sich an deutsche Gesetze in Deutschland und der Türkei nicht gebunden fühlt. Denn Ziel der von ihm geleiteten Vereinigung „Kalifatsstaat“ ist, den laizistischen türkischen Staat zu zerstören und das 1924 von Atatürk aufgelöste Kalifat wieder einzurichten. Von seinen Anhänger verlangte Kaplan nach Angaben des Verfassungsschutzes absoluten Gehorsam. Er ließ sich als „Emir der Gläubigen und Kalif der Muslime“ anreden. „Eure Parole lautet: Entweder das Kalifat oder Tod auf dem Schlachtfeld!“, lautete einer seiner Aufrufe.

          Der „türkische Chomeini“

          1995 hatte Metin Kaplan die Führung der von seinem verstorbenen Vater Cemaleddin Kaplan unter dem unverdächtigen Namen „Verband der islamischen Vereine und Kulturzentren“ 1984 gegründete Organisation übernommen. Während sein Vater der „türkische Chomeini“ genannt wurde, erhielt sein Sohn bald den Beinamen „Kalif von Köln“.

          Metin Kaplan war 1983 aus der Türkei nach Deutschland gekommen und wurde 1992 als Asylberechtigter anerkannt. Aber der „Kalifstaat“ stürzte in eine schwere Krise: Hatte die Gruppe Anfang der neunziger Jahre noch etwa 4000 Mitglieder in Deutschland, waren es zehn Jahre später nur noch gut tausend. An Geld schien es jedoch bis zuletzt nicht zu fehlen. Bei Kaplans Verhaftung 1999 fand die Polizei in seiner Wohnung zwei Millionen Mark in Plastiktüten.

          Kontakte zu Usama Bin Ladin

          Seine Position nutzte Kaplan dazu, Kritiker und Abweichler auszuschalten. Als der „Generaljugendemir“ Halil Ibrahim Sofu 1997 zum Gegenkalifen ausgerufen wurde, eskalierte der Führungsstreit. Nach einer „Todes-Fatwa“ Kaplans wurde Sofu mit vier Schüssen ins Gesicht getötet.

          Im selben Jahr soll Kaplan nach Erkenntnissen des Bundesamtes für den Verfassungsschutz auch Kontakte zu Usama Bin Ladin aufgenommen haben. Auf einer Reise nach Afghanistan hätten sich Kaplan und Mitglieder seines Verbandes mit dem Al-Qaida-Gründer getroffen. Im folgenden Jahr sollen dann Taliban-Vertreter in Köln Mitglieder des „Kalifatsstaats“ getroffen haben.

          Anschlagversuche in der Türkei

          Zumindest in ihrer Strategie weisen Al Qaida und der „Kalifatsstaat“ Parallelen auf. Denn Frühjahr 1998 rief Kaplan dazu auf, das „Marionettenregime in der Türkei“ zu stürzen. Der Appell blieb offenbar nicht folgenlos. Mehrere seiner Anhänger reisten danach in die Türkei, um Anschläge während der Feierlichkeiten für den Jahrestag der Staatsgründung am 29. Oktober vorzubereiten.

          In einer Selbstmordaktion wollten sie mit einem mit Sprengstoff beladenen Flugzeug das Atatürk-Mausoleoum in Ankara zerstören, wo sich zu diesem Zeitpunkt die gesamte Staatsspitze aufhielt. Zudem war geplant, die Fatih-Moschee in Istanbul zu besetzen. Türkische Sicherheitskräfte vereitelten diese Pläne und nahmen 23 Personen fest, von denen nach türkischen Angaben 21 aus Deutschland eingereist waren. Vergeblich forderte Ankara danach die Festnahme und Auslieferung Kaplans.

          Anhänger weiter aktiv

          Kaplan wurde 1999 festgenommen und im November 2000 vom Düsseldorfer Oberlandesgericht zu vier Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, daß er 1996 zwei Mal öffentlich zum Mord an dem Gegekalifen Sofu aufgerufen hatte. Vor einem Jahr wurde er aus der Haft entlassen. Im Sommer verbot das Verwaltungsgericht Köln dann Kaplans Ausweisung danach in erster Instanz wegen drohender Folter in der Türkei.

          Das Oberverwaltungsgericht Köln hob diese Entscheidung jetzt auf. Der krebskranke Kaplan soll bis zum 2. Juni Deutschland verlassen. Seine Ideen scheinen aber immer noch Anhänger zu haben. Nach dem jüngsten Verfassungsschutzbericht versuchten ehemalige Mitglieder des Kalifatstaats, weiterhin seine Lehren zu verbreiten.

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