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Merkel und die G8 : Die Klima-Kanzlerin wird zur Exit-Kanzlerin

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Merkel hat wenig Neigung, jetzt Obama die Lorbeeren einheimsen zu lassen Bild: AP

In Heiligendamm hat Angela Merkel 2007 versucht, Präsident George W. Bush auf Klimaziele festzulegen. In L‘Aquila wollte sie von dessen Nachfolger Barack Obama einen Ausstieg aus teuren Konjunkturprogrammen.

          Wer zuletzt kommt, den belohnt die Geschichte. Der Klima-Durchbruch auf dem G-8-Gipfel in L‘Aquila wird Barack Obama gutgeschrieben, dem Neuling in der Runde. Nun hat auch der amerikanische Präsident der wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung, die Welt werde einen Anstieg der Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nicht verkraften, das Gütesiegel der politischen Wahrheit angeheftet. Und er war bereit, auch den Vereinigten Staaten eine Reduzierung ihres Kohlendioxid-Ausstoßes um 80 Prozent bis 2050 aufzuerlegen. Alle Gipfel-Teilnehmer sprechen von einem großen Erfolg. Die Bundeskanzlerin aber setzt schnell hinzu, dass jetzt „noch ein Riesenstück Arbeit vor uns liegt“, um auf der Kopenhagener Weltklimakonferenz im Dezember einen echten Durchbruch zu schaffen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Angela Merkel hat wenig Neigung, jetzt die Amerikaner alle Lorbeeren einheimsen zu lassen, nur weil sie am längsten gebraucht haben, um sich zu einem verbindlichen Langfristziel zu bekennen. Die Physikerin, die längst nicht mehr als einzige in der Runde der Staats- und Regierungschefs mit Sachkenntnis über Moleküle und Modelle redet, freut sich natürlich über Obamas unumwundenes Eingeständnis, dass sein Land seiner Verantwortung für das Weltklima nicht gerecht geworden sei. Aber sie weiß auch, dass nun eher der Auftritt des Amerikaners in L‘Aquila als Trendwende der internationalen Klimaverhandlungen in die Geschichte eingehen wird als ihr Durchbruch von Heiligendamm.

          Während der italienische Gipfel-Gastgeber Silvio Berlusconi einen amerikanischen Klimaretter nach europäischem Geschmack frei Haus geliefert bekam, hatte sie vor zwei Jahren mit allergrößter Mühe Obamas Vorgänger George W. Bush bearbeitet – bis er wenigstens die Formulierung akzeptierte, dass die G8 „ernsthaft erwägt“, den weltweiten Kohlendioxidausstoß bis 2050 um 50 Prozent zu reduzieren. Das und ihre kurz vor dem Heiligendamm-Gipfel abgeschlossene EU-Ratspräsidentschaft hatten der einstigen Umweltministerin Helmut Kohls den Beinamen „Klima-Kanzlerin“ eingebracht.

          Oh là là...

          Angela Merkel hat in Italien auf die immensen Aufgaben hingewiesen, die ihren Regierungsapparat und die Strippenzieher in den anderen großen Wirtschaftsnationen in den kommenden Monaten in Beschlag nehmen werden. Bis zum G-20-Gipfel in Pittsburgh müsse noch hart an der neuen Finanzmarktverfassung gearbeitet werden, die Anfang April in London verabredet wurde. Bis zur Kopenhagen-Konferenz wiederum müssten sich die Industrieländer noch auf mittelfristige Ziele einigen, wie sie die EU schon formuliert hat und der amerikanische Präsident derzeit – auf niedrigerem Niveau – im Kongress durchzusetzen versucht. Außerdem ist die Frage der Finanzhilfen für ärmere Länder ungelöst: Was bekommen sie von wem, damit auch sie in klimafreundliche Technologie investieren können? Die Schwellenländer fürchten nach wie vor, dass feste Klimaziele ihr Wachstum abschnüren werden.

          Ein Detail ihrer Arbeitsbelastung in den kommenden Monaten lässt die Kanzlerin auf ihrer Pressekonferenz elegant unerwähnt: die Bundestagswahl, die zwei Tage nach Ende des Pittsburgh-Treffens abgehalten wird. Ja, sie wolle am Gipfel in Pittsburgh teilnehmen, sagt sie – von wem sollte sie sich auch vertreten lassen? Immerhin soll es dort, auch das ist ein Ergebnis von L‘Aquila, nicht allein um Finanzmarktregulierung und Konjunkturbelebung, sondern wieder um das Klima und selbst um den Atomkonflikt mit Iran gehen. Live-Schaltungen zur besten Sendezeit sind da garantiert – und sollte die „Klima-Kanzlerin“ dabei gar verkünden können, dass eine weitere Hürde auf dem Weg nach Kopenhagen übersprungen sei, wird das ihre Wahlkampagne sicher nicht stören.

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