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Merkel trifft Trump : Ein Besuch mit Risiken

In so einer Maschine würde Merkel bei Trump gewiss mehr Eindruck hinterlassen – aber natürlich handelt es sich hier um eine Bildmontage. Bild: Reuters/Montage F.A.S.

Donald Trump und Angela Merkel – das sind zwei wie Feuer und Wasser. Nun reist die Bundeskanzlerin zum mächtigsten Mann der Welt. Wie will sie ihm begegnen?

          7 Min.

          „Schauen Sie sich doch einmal an, was Donald Trump zum Frauentag getwittert hat. Die Ladys werden entzückt sein“, sagte Peter Altmaier. Selten habe er „so ein engagiertes Bekenntnis zum Frauentag“ gelesen. Der Chef des Kanzleramts und Merkel-Vertraute stellte am Donnerstag in der Heinrich-Böll-Stiftung ein Buch mit dem Titel „Freiheit verteidigen“ vor, das der Vorsitzende der Stiftung geschrieben hat. Altmaier nutzte die Gelegenheit, positiv über den amerikanischen Präsidenten zu sprechen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Zwar hatte Trump nur vom „großen Respekt“ für alle Frauen und deren Rolle in der Gesellschaft und Wirtschaft geschrieben. Angesichts anderer Äußerungen über Frauen, die Trump in seinem Leben gemacht hat, schien Altmaier das aber schon lobenswert. Und Trump habe auch gezeigt, dass er zwischen Wahlkampf und Regierungsamt unterscheide. Erst habe er die Nato als obsolet geschmäht, jetzt sich als deren großer Fan bezeichnet. Ob Altmaier tatsächlich glaubt, dass ein neuer Trump in Washington sitzt? Zumindest will er den Mann im Weißen Haus in mildem Licht erscheinen lassen.

          Dieses Mal ist es besonders heikel

          Das hat einen aktuellen Grund: Donald Trump wird in zwei Tagen Angela Merkel treffen – zum ersten Mal. Es ist ihr Antrittsbesuch in Washington. Solche Visiten hat sie schon bei anderen mächtigen und schwierigen Staatslenkern gemeistert. Doch dieses Mal ist es besonders heikel. Trump steht für ein anderes, neues Amerika. Der neue Präsident hält die Europäische Union für überflüssig und ein Werkzeug zum Nutzen der Deutschen; den Brexit begrüßt er als großartige Sache; die Handelsüberschüsse der Deutschen will er bekämpfen. Wegen alldem und manchem mehr gilt Merkel nun als seine wichtigste Gegenspielerin. Trump hat sie gewissermaßen in diese Rolle gedrängt. Mehr noch haben es dessen Gegner in Amerika und Europa getan: Merkel, die Führerin des freien Westens. Eine Rolle, die der Kanzlerin nicht behagt.

          Regierungsmaschine: Luftwaffen-Airbus „Konrad Adenauer“
          Regierungsmaschine: Luftwaffen-Airbus „Konrad Adenauer“ : Bild: dpa

          Die Zeichen stehen also nicht unbedingt auf netten Smalltalk. Im Gegenteil: Es ist ein Besuch mit Risiken – für Trump, vielleicht mehr noch für die Kanzlerin. Merkel war schockiert von Trumps skrupellosem Wahlkampf. Sie verlor kein öffentliches Wort darüber. Selbst als er ihre Flüchtlingspolitik als „verrückt“ schmähte, schwieg sie. Merkel reagierte erst nach der Wahl, kühl und dosiert. Knapp zweieinhalb Minuten gönnte sie Trump nach seinem Wahlsieg Anfang November, als sie für eine frostige Gratulation vor die Kameras trat. Sie erinnerte Trump dabei an die Werte von Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung, erklärte sie zur Bedingung für eine zukünftige Zusammenarbeit.

          Es folgte ein fünfminütiges Glückwunsch-Telefonat, in dem Trump stolz an seine deutschen Vorfahren erinnerte. Ende Januar telefonierten sie immerhin 45 Minuten miteinander: über die Nato, über Putin, die Ostukraine, die Sanktionen, auch über die deutsche Flüchtlingspolitik. Merkel kritisierte damals das Einreiseverbot, das Trump verhängt hatte. Von ihren Erläuterungen, dass es ihr nicht etwa um offene Grenzen gehe, sondern darum, sichere Außengrenzen der EU zu schaffen, war der Amerikaner nicht überzeugt.

          Trump lud sie damals ein, bald nach Washington zu kommen. Merkel hatte einen solchen Besuch zuvor schon über diplomatische Kanäle angeboten. Doch dann schien die Sache in Washington vergessen. Andere Staatsführer reisten dorthin: der Japaner Abe Anfang Februar – er spielte unter anderem mit Trump Golf –, der Kanadier Justin Trudeau, der in vielen Punkten wie Merkel denkt. Die wichtigste Frau Europas aber schien Trump nicht besonders schnell sehen zu wollen. Ein Treffen mit Trump sei vielleicht gar nicht so vorteilhaft für Merkel, befand man im Kanzleramt. Dann traf die Einladung aus Washington ein, nun sollte es schnell gehen.

          Merkel ist gut vorbereitet

          Trump und Merkel – das sind zwei wie Feuer und Wasser. Er ist ein durch und durch emotionaler Typ mit einem Mega-Ego, narzisstisch, risikofreudig, immer bereit, für einen guten Deal Regeln zu brechen. Zugleich ist er kaum gewillt, einer Sache auf den Grund zu gehen, sich in Details einzuarbeiten. Merkel hingegen ist nüchtern, vorsichtig, abwägend, an klaren Regeln interessiert, detailverliebt – ihren Machtwillen versteckt sie hinter demonstrativer Bescheidenheit. Er ist ein Typ, der seiner Wut und seiner Begeisterung in 140 Zeichen auf Twitter freien Lauf lässt, dabei Medien und Gegner wüst beschimpft.

          Sie hingegen verbirgt ihre Gefühle, lässt sich selten zu persönlichen Attacken hinreißen. Twittern lässt sie ihren Sprecher, staatstragend natürlich. Selbst setzt sie sich in einem wöchentlichen, wenig beachteten Video-Podcast mit Sachthemen auseinander. Kann ein solcher Zusammenprall gegensätzlicher Naturen und Kulturen Positives hervorbringen?

          Merkel fliegt jedenfalls gut vorbereitet nach Washington. Sie hat mit dem Kanadier Trudeau über Trump geredet und mit anderen. Sie hat ihren außenpolitischen Berater Christoph Heusgen und ihren Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller am Mittwoch nach Washington geschickt. Sie haben unter anderen Trumps Schwiegersohn Jared Kushner gesprochen, um das Treffen vorzubereiten. Kushner ist ein Mann, der in ähnlichen Kategorien denkt wie Trump selbst. Der neue außenpolitische Berater Raymond McMaster hingegen gilt als einer, der auf Kooperation mit den Europäern setzt.

          Die Berufung von Fiona Hill, einer bekannten Russland-Expertin und entschiedenen Putin-Kritikerin, in den Nationalen Sicherheitsrat wird in Berlin ebenfalls positiv bewertet. Noch ist allerdings unklar, wie viel Einfluss diese Leute auf Trump haben werden. Merkel hat sich schon länger mit dem Phänomen Trump beschäftigt, hat Videos seiner Auftritte angesehen und alte Interviews gelesen, darunter ein sehr langes Gespräch im „Playboy“ aus dem Jahre 1990.

          Worüber will Merkel mit Trump sprechen?

          Trump erzählte darin, dass er Freundschaften gern testet und instinktiv vielen Leuten misstraut. Schon damals war er überzeugt, dass Amerika von seinen „sogenannten Verbündeten“, darunter auch Westdeutschland, „übel abgezockt“ werde – von Nationen, die in fünfzehn Minuten von der Erdoberfläche verschwinden würden, wenn es Amerika nicht gäbe, wie er sagte. Auch eine Passage, dass er eine Steuer erheben würde auf jeden Mercedes-Benz, „der in unser Land rollt“, findet sich dort. Und die Aussage, dass ein Präsident Trump auf militärische Stärke setzen und weder den Russen noch den Verbündeten trauen würde. Diese Auffassung hat er im Interview mit der „Bild“-Zeitung wiederholt, in der Version, dass er Merkel ebenso wie Putin traue. Dass Trump seine Weltsicht in den vergangenen Jahrzehnten grundsätzlich geändert hat, kann wirklich nicht behauptet werden.

          Worüber will Merkel mit diesem Mann reden? Natürlich über Russland, über die Krim-Annexion, den Konflikt in der Ukraine, das Minsker Abkommen, das Normandie-Format – ein Thema, dessen Details und Fallstricke in der Trump-Regierung bisher kaum verstanden worden sind. Merkel will aber Trump auch grundsätzlich ihre Sicht auf Putin nahebringen, darauf, wie der Mann im Kreml nach dem Zerfall der Sowjetunion das alte Reich wiederherstellen, seine Einflusssphären ausdehnen will, wie er dafür alle Möglichkeiten von wirtschaftlichem Druck bis zu militärischer Gewalt nutzt.

          Und sie will darüber sprechen, wie gemeinsam darauf reagiert werden kann, dass es nicht um „ein paar gute Deals mit Russland“ geht, wie Trump gesagt hatte. Dass sie mit ihm zusammenkommt, bevor er den russischen Präsidenten persönlich trifft, gilt als ein Vorteil. Auch ihr erstes längeres Telefonat hatte sie mit Trump führen können, bevor der zum Hörer griff und Putin anrief. Trump sei interessiert daran, von Merkel zu erfahren, wie sie mit Putin umgehe, heißt es aus dem Weißen Haus.

          Ein Durchbruch kann dauern

          Natürlich wird es auch um die Nato gehen. Merkel wird das weiter ausführen, was sie kürzlich in München bei der Sicherheitskonferenz gesagt hat. Dass Deutschland bereit ist, mehr für die Sicherheit zu zahlen, dass sie das Ziel, zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für Verteidigung auszugeben, für richtig hält, dass das aber nach und nach geschehen muss. Sie wird auf den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, im Kosovo und in Mali hinweisen – auch auf die jüngste Entsendung deutscher Soldaten nach Litauen. So soll der Unmut des Präsidenten über die schwachen, zahlungsunwilligen Europäer besänftigt werden.

          Das dritte große Thema wird die Wirtschaft sein. Trump wirft Deutschland vor, durch seine großen Exportüberschüsse Jobs in den Vereinigten Staaten zu gefährden. Merkel wird versuchen, Trump davon zu überzeugen, dass Protektionismus und ein Handelskrieg am Ende allen schaden würden. Sie hat sich dafür etwas ausgedacht. Sie will dem Präsidenten das deutsche duale Ausbildungssystem nahebringen, also die berufliche Ausbildung in Betrieb und Berufsschule – als Vorbild für die Vereinigten Staaten. Die Vorstandsvorsitzenden von Siemens, BMW und Schaeffler, die mit nach Washington reisen, sollen sie dabei unterstützen. Ob eine solche Initiative Trump von seinem Konfrontationskurs in den Wirtschaftsbeziehungen abbringen kann, ist freilich ungewiss.

          Ein Durchbruch zu guten Beziehungen dauert mitunter unter Regierungschefs. Merkel hat sich mit amerikanischen Präsidenten schwergetan. Ihre Beziehung zu Barack Obama, das ist fast vergessen, war am Anfang alles andere als gut. Sie misstraute dem redegewaltigen Mann und seinem Pathos, ließ ihn während seines Wahlkampfs nicht am Brandenburger Tor reden, hielt ihn für einen Schaumschläger. Auch nach seiner Wahl war das Verhältnis eher kühl.

          Obama galt als unnahbar, betont lässig, etwas von oben herab. Bei ihren ersten Treffen wetteiferten beide, wer die Details der anstehenden Themen besser kannte. Doch der Konflikt mit Russland, die Krim-Annexion und der Krieg in der Ukraine schweißten Merkel und Obama zusammen. Sie sprachen sehr oft miteinander. Am Ende, nach der Trump-Wahl, überschüttete er Merkel bei seinem letzten Besuch in Berlin mit Lob und Freundschaftsbekundungen.

          Das richtige Maß an Nähe und Distanz finden

          Auch mit Obamas Vorgänger George W. Bush war das Miteinander nicht einfach. Doch Merkel gelang es, den Mann für sich einzunehmen. Auf einen Grillabend mit Wildschweinbraten in dem kleinen Dorf Trinwillershagen in Mecklenburg-Vorpommern folgte eine Einladung des Ehepaars Merkel/Sauer auf die Ranch des Texaners – ein Zeichen hoher Wertschätzung. Bush war im Umgang herzlich und persönlich, beide schätzten aneinander, dass sie dem anderen ihre Meinung unverblümt sagen konnten.

          Trump ist die bisher größte Herausforderung für Merkel. Und ein Risiko. Die Kanzlerin muss das richtige Maß an Nähe und Distanz finden. Das kann schwierig sein, etwa wenn es um die Außendarstellung geht. Der amerikanische Präsident neigt zu spontanen Reaktionen, die in ungewollte Bilder münden könnten. Merkel würde es wohl nicht schätzen, wenn Trump ihre Hand so hielte wie die der britischen Regierungschefin Theresa May.

          Der Verlauf des Treffens kann auch Einfluss auf die deutsche Innenpolitik und den Wahlkampf haben. Trump ist in Deutschland extrem unbeliebt, mehr als 90 Prozent der Deutschen sehen ihn kritisch. Martin Schulz, der SPD-Kanzlerkandidat, hat Trump mehrfach frontal angegriffen, ihn als hochgradig demokratiegefährdend bezeichnet und ihm vorgeworfen, einen „Kulturkampf“ begonnen zu haben. Schulz kann das viel leichter tun als Merkel, weil er nicht Teil der Regierung ist. Der SPD-Mann hat auch schon angedeutet, dass Merkel – anders als seinerzeit Gerhard Schröder in der Auseinandersetzung mit George W. Bush um den Irak-Krieg – nicht den Mumm haben könnte, Trump entgegenzutreten. Merkel als Trump-Fan? Kaum vorstellbar.

          Die Mehrheit der Deutschen wird wohl verstehen, dass es im deutschen Interesse ist, gute Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu haben. Merkel hat bisher Geschick im Umgang mit Männern mit ausgeprägtem Machtbewusstsein und Hang zum Machotum gezeigt. Am Anfang des Treffens am Dienstag wird ein Vier-Augen-Gespräch stehen. Es geht darum, einen persönlichen Zugang zum Präsidenten zu finden. Das ist Merkels wichtigstes Ziel.

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