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Merkel bei Putin : Die Frau, die in die Kälte kommt

  • -Aktualisiert am

Wer will hier etwas von wem? Angela Merkel am Dienstag bei Wladimir Putin Bild: Reuters

Russlands Präsident Putin schafft in vielen Weltgegenden beunruhigende Fakten. Mit ihrem Besuch in Sotschi versucht die Bundeskanzlerin Schlimmeres zu verhindern. Doch die Stimmungslage ist frostig.

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          Ein herzlicher Auftakt ist es ganz sicher nicht. Dabei hat Wladimir Putin die Bundeskanzlerin nicht einmal warten lassen, was in früheren Zeiten schon einmal vorgekommen ist. Also sie freue sich auf das Gespräch, sagt Angela Merkel. Aber ihr Blick und ihr Tonfall sind so, als habe der russische Präsident ihr gerade auf dem Weg in den Saal seine Folterwerkzeuge gezeigt. Die unterkühlte Atmosphäre passt so gar nicht zum schönen Ambiente in der Sommerresidenz an der russischen Riviera.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Eigentlich wollte Angela Merkel hübsche Bilder vom Badeort in Sotschi nicht haben. Ein Arbeitsbesuch im Kreml wäre ihr lieber gewesen. Doch Putin bestand auf einem Treffen am Schwarzen Meer. Also gut – was soll man sich verkämpfen? Hier am Schwarzen Meer fand immerhin vor neun Jahren, inmitten des Georgien-Konfliktes im Sommer 2008, auch ein Krisentreffen mit Dimitrij Medwedjew statt – damals, als die Dinge zwischen Russland und dem Westen begannen, sich in die falsche Richtung zu entwickeln.

          Offiziell: ein Teil der Reisediplomatie

          Vor zwei Jahren war Merkel zuletzt in Putins Reich, zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Offiziell ist der Besuch Teil der Reisediplomatie zur Vorbereitung des G-20-Gipfels im Juli in Hamburg. Eigentlich aber dient er dazu, Schlimmeres zu verhindern. Gut 100 Tage nach dem Amtsantritt Donald Trumps gibt es nämlich eine neue Lage. Putin drückt das so aus: Natürlich komme man nicht umhin, über die bilateralen Themen zu sprechen, besonders die strittigen Themen Ukraine, Syrien und womöglich auch „weitere Teile der Erde“. Putins Störsignale senden inzwischen in viele Länder. Kurz gesagt, überall dahin, wo die Amerikaner sich zurückgezogen beziehungsweise die Europäische Union noch nicht Fuß gefasst haben.

          Bevor Trump vor einem Monat die amerikanische Luftwaffe Angriffe auf Stellungen des Assad-Regimes in Syrien fliegen ließ, telefonierte der amerikanische Präsident mit Merkel. In dem Gespräch ging es aber gar nicht um Syrien, wie später zu erfahren war. Die Unterrichtung über die bevorstehenden Angriffe erfolgte später über andere Stellen. Trump und Merkel sprachen über Russland. Über dessen Rolle in der Ostukraine selbstredend. Aber auch über konkrete Hinweise auf ein bemerkenswertes russisches Engagement in Afghanistan. Was amerikanische Militärs nämlich darüber jüngst zu berichten wussten, hat im Westen Beunruhigung hervorgerufen. Die Kunde, wonach Russland die Taliban mit Waffen beliefere, passte nämlich ins Bild.

          Nur nicht provozieren lassen: Merkel trifft in Sotschi ein.
          Nur nicht provozieren lassen: Merkel trifft in Sotschi ein. : Bild: dpa

          Als Außenminister Sigmar Gabriel Anfang März in Moskau war, verließ er die russische Hauptstadt noch in dem Eindruck, der Kreml warte mit zunehmender Ungeduld auf Signale aus Washington. Offenbar wollte Putin endlich wissen, was es denn nun auf sich habe mit Trumps „großen Deal“? Inzwischen ist der Kreml, so die Interpretation in Berlin, zu dem Ergebnis gekommen, der amerikanische Präsident könne den Männerpakt mit Putin gar nicht mehr schließen. Das freilich hat sich Russland selbst einbrockt: Die peinlichen Enthüllungen über russische Verbindungen zu Trumps Wahlkampfteam binden dem Weißen Haus nun die Hände.

          Mehrere Signale sprechen dafür: Die Berichte vom Hindukusch über eine – mit Blick auf die Geschichte des sowjetischen Afghanistan-Krieges mehr als ironische – Allianz zwischen Moskau und den Taliban fügen sich in ein größeres Gemälde. Auch in Montenegro sieht man den Kreml am Werk – mit dem Ziel, die Aufnahme des kleinen Balkanstaates in die Nato noch abzuwenden. Dabei schreckte Moskau nicht einmal vor einem Putschversuch zurück. Auch in Mazedonien und im serbischen Teil Bosniens fingern russische Kräfte mit. Und im Syrien-Krieg hat Moskau nicht nur militärisch die Landkarte verändert, sondern auch politisch die Zügel an sich gerissen: In Astana sitzen Russen und Türken am Kopfende des Verhandlungstisches. Der Westen drängt vergeblich zur Rückkehr zu den Vereinten Nationen nach Genf.

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