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Drei Tage in Westafrika : Wo die einen nicht wollen, stehen die anderen bereit

Bislang sind die Zahlen allerdings in jeder Hinsicht bescheiden. Nach Ghana etwa kehren kaum abgelehnte Asylbewerber zurück, umgekehrt erteilt die deutsche Botschaft allerdings auch eine höchst überschaubare Zahl von Visa für die Einreise nach Deutschland. Ändern lässt sich das wohl nur in einem sehr langsamen Prozess der wechselseitigen Vertrauensbildung. Kurzfristiger Druck, etwa die Drohung mit Entzug von Entwicklungshilfe, gilt nicht als aussichtsreich.

Das liegt schon daran, dass andere Geldgeber jederzeit bereitstehen. Als die Kanzlerin in Senegal ankam, landete sie auf einem nagelneuen Flughafen, den türkische Firmen gebaut haben. Sie fuhr über eine gleichfalls frisch eröffnete Maut-Autobahn in die Stadt, die ein französisches Unternehmen betreibt. Kurz vor dem Präsidentenpalast sah sie dann den Hauptbahnhof von Dakar, der gerade eine Großbaustelle ist: Chinesische Firmen arbeiten daran, das zuletzt arg heruntergekommene Eisenbahnnetz des Landes zu modernisieren.

„Bei uns investiert nicht der Staat“

Nur eines sah Angela Merkel auf ihren Fahrten durch die Stadt an der Westspitze Afrikas nicht: relevante Projekte deutscher Firmen. Immerhin, ein Vorhaben zur Versorgung von 300 Dörfern mit Solarstrom vereinbarte ihre Delegation mit der senegalesischen Seite – ein gewiss löbliches, aber vergleichsweise kleines Projekt. Anders als im Fall Chinas mit seiner gelenkten Marktwirtschaft könne sie schließlich kein wirtschaftliches Engagement deutscher Firmen verordnen. „Bei uns investiert nicht der Staat“, hob sie hervor.

Dabei ist gerade das der Zweck ihrer Reise: Merkel will weg von klassischer Entwicklungshilfe, die oft nur eine überkommene Subsistenzwirtschaft zementiert, und hin zu wirtschaftlicher Kooperation auf Augenhöhe, von der beide Seiten profitieren. Auch um ein anderes, positiveres Bild des Kontinents geht es dabei. „Wenn man nur Angst vor den Risiken hat, traut man Afrika zu wenig zu“, sagte die Kanzlerin in Dakar.

Besonders beeindruckt zeigte sie sich deshalb am Donnerstag von ihrer Begegnung mit dem ghanaischen Präsidenten Nana Akufo-Addo. Der hat für sein Land die Parole ausgegeben, in naher Zukunft überhaupt keine Hilfsgelder mehr anzunehmen. Verbunden ist das allerdings mit Investitionsauflagen nach chinesischem Vorbild, etwa dass bei Projekten 51 Prozent in ghanaischer Hand sein müssen – ein Problem für Firmen wie den deutschen Siemens-Konzern, der dort in ein Kraftwerksprojekt involviert ist.

300000 Leute kommen in Senegal jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt

Mit Ghana und Senegal hat sich Merkel zwei Länder ausgesucht, die politische Stabilität mit relativ hohem Wirtschaftswachstum von sechs bis acht Prozent jährlich verbinden und damit eine Vorbild- und Ankerfunktion für die Entwicklung des Kontinents haben können. Allerdings fällt das Pro-Kopf-Wachstum angesichts eines Bevölkerungswachstums von mehr als zwei Prozent pro Jahr deutlich bescheidener aus. Es genügt jedenfalls nicht, um der Jugend ausreichende Beschäftigungsperspektiven zu bieten. 300000 junge Leute kommen in Senegal jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt.

Neben der Migrationsfrage spielt auch das zunehmende chinesische Engagement eine Rolle beim neu erwachten Interesse an Afrika: So ganz wollen die Europäer der asiatischen Wirtschaftsmacht den Kontinent nicht überlassen. Konkurrenz belebt das Geschäft, und seit China sich für Afrika interessiert, fürchten auf einmal auch andere, dass sie sich wirtschaftliche und politische Chancen vergeben. Entsprechend selbstbewusst argumentieren inzwischen viele afrikanische Regierungschefs.

Auf dem ganzen Kontinent gebe es eine Mittelschicht mit 400 bis 500 Millionen Menschen und entsprechender Kaufkraft, sagte der senegalesische Präsident Macky Sall nach dem Gespräch mit der Kanzlerin. Es gehe um Finanzierung, Technologietransfer, die Industrialisierung Afrikas. Selbstredend sei ein Engagement aus Deutschland willkommen. „Wir sind offen für jede Kooperation“, fügte er hinzu. Gemeint ist damit auch: Wo die einen nicht wollen, da stehen die anderen schon bereit.

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