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Merkel in Polen : Draußen vor der Danziger Bucht

Zwei im Sturm: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der polnische Präsident Lech Kaczynski Bild: AP

Die Polenreise von Kanzlerin Merkel war vor allem deshalb ein Erfolg, weil sie versuchte, die Minen der Vergangenheit zu entschärfen. In einem Vortrag hat Angela Merkel die mutigen Polen gewürdigt. Sie hat auch guten Grund dazu. Ohne sie wäre sie heute vielleicht keine Bundeskanzlerin.

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          Ob die Halbinsel Hela, diese schmale Nadel aus Strand und Dünenwald draußen vor der Danziger Bucht, ein Idyll ist oder eine Hölle, hängt von der Perspektive ab. Idyllisch sind der Sand, das Meer, der Leuchtturm mit seiner ausladenden Glaskuppel, in dem Polens Präsident Lech Kaczynski und seine Frau Maria die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Mann Joachim Sauer am Samstag zum Frühstück luden. Die Sonne schien, die Gespräche des vergangenen Abends hatten bis weit nach Mitternacht gedauert, und nach dem Morgenkaffee machte man sich noch auf zu einem Spaziergang durch die Wälder.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Hölle sieht, wer zurückblickt. Wie so viele Orte in Polen ist auch die Küste um die Danziger Bucht mit schweren Erinnerungen beladen. Blickt man von Hela übers Wasser nach Danzig, sieht man an klaren Tagen die Stelle, wo am 1. September 1939 um vier Uhr 45 die Granaten des deutschen Kriegsschiffs "Schleswig-Holstein" auf die polnische Festung Westerplatte niedergingen und der Zweite Weltkrieg begann. Auf der Halbinsel Hela selbst, nicht weit vom Leuchtturm, hat dann einen Tag und einen Monat später, am 2. Oktober 1939, eine der letzten polnischen Einheiten vor dem Vormarsch der Wehrmacht kapituliert.

          Das beharrliche Werben der deutschen Politik

          Die beiden Ehepaare, die Kaczynskis und die Merkel-Sauers, haben an diesem Morgen und am Abend davor die Entscheidung getroffen, sich von der Vergangenheit den Blick nicht verstellen zu lassen. Präsident Lech Kaczynski und sein Bruder Jaroslaw, der Ministerpräsident, haben zwar von Kindheit an Deutschland stets im Licht der Nazi-Verbrechen in Polen gesehen, doch das beharrliche Werben der deutschen Politik, des Bundespräsidenten Köhler und nun eben auch Angela Merkels haben in den vergangenen Monaten dazu beigetragen, dass sich in die gewohnten schroffen Töne immer wieder auch freundliche Worte mischten.

          Angela Merkel, entschlossen, noch während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auch den sperrigen Partner Polen in einen Reformkonsens einzubinden, hat auf ihrer Polen-Reise vom Wochenende vor allem deshalb Erfolg gehabt, weil sie versuchte, die Minen der Vergangenheit zu entschärfen, bevor sie sich an die Gestaltung der Zukunft machte.

          Heroen der polnischen Geschichte

          In einem Vortrag an der Warschauer Universität würdigte sie die Heroen der polnischen Geschichte vom Nationaldichter Mickiewicz bis zu Karol Wojtyla. Sie blickte zurück auf den Freiheitskampf der Polen in den achtziger Jahren, und sie stellte fest, dass sie als Ostdeutsche ohne den Mut der Gewerkschaft Solidarnosc heute gewiss nicht Bundeskanzlerin wäre. Vor allem aber gab sie das feierliche Versprechen, die von den Brüdern Kaczynski immer wieder behauptete Flucht der Deutschen aus ihrer historischen Verantwortung werde sie niemals zulassen. "Es kann keine Umdeutung der Geschichte durch Deutschland geben, und ich füge hinzu, es wird keine Umdeutung der Geschichte geben", sagte sie unter dem Applaus der Studenten.

          Den beiden Paaren in ihrem Leuchtturm am Ostseestrand hat diese klare Festlegung geholfen. Nicht, dass sie sich über alles geeinigt hätten, was die polnische Regierung immer noch von der deutschen trennt. Aber die Kanzlerin ist am Samstag mit dem Eindruck nach Berlin zurückgekehrt, dass die polnische Regierung, so sie jemals erwogen hat, den europäischen Verfassungsvertrag und die deutsche EU-Präsidentschaft scheitern zu lassen, mittlerweile auf der Suche nach einem Kompromiss ist. Kaczynski hat seine Bereitschaft erkennen lassen, den jetzigen Text als Grundlage für weitere Verhandlungen zu akzeptieren. Vertrauen ist gewachsen, und obwohl wieder einmal Sturm aufzog, am Samstag über der See, sind sie nach dem Frühstück noch hinausgegangen, um sich auf den Dünen ein wenig Wind um die Nase wehen zu lassen.

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