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Merkel in Japan : Ein Dieselboom und Ärger mit falschen Statistiken

Angela Merkel ist zu Besuch in Japan. Bild: dpa

Das ist Angela Merkel nicht mehr gewohnt: In Japan verkaufen sich deutsche Diesel gut – und es gibt keine Debatte über Messwerte. Doch Ministerpräsident Abe kann der Kanzlerin dafür bei ihrem Treffen über seinen eigenen Ärger mit der Statistik berichten.

          Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montagabend in Tokio mit Japans Ministerpräsident Shinzo Abe konferiert, wird im glanzvollen Mittelpunkt der am Freitag in Kraft getretene Freihandelsvertrag zwischen der Europäischen Union und Japan stehen. Für Merkel und Abe ist das eine gute Gelegenheit, sich als überzeugte Marktwirtschaftler zu feiern und sich vom Merkantilismus eines Donald Trump abzusetzen. Unter Freunden weiß man dabei auch, dass man in manchen Dingen wohl nie Einigkeit erzielen wird. Dass Japan an der Todesstrafe und am Walfang festhält, sind zwei solche Punkte, an denen die Deutschen sich regelmäßig stoßen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Merkel könnte bei dem Kurzbesuch Abstand suchen von der heftigen deutschen Debatte über die Messung von Stickoxiden, Fahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen. In Japan spielt der Diesel für Personenkraftwagen kaum eine Rolle. Doch deutsche Hersteller berichten seit einigen Jahren über einen gewissen Diesel-Absatzboom. Mercedes-Benz verkaufte 2018 rund 67.500 Autos in Japan, davon etwa 20 Prozent Diesel, Tendenz steigend. Auch Dieselschummler Volkswagen erkannte das Marktpotential und bedient die japanischen Kunden seit dem vergangenen Jahr erstmals auch mit Dieseln. Von fast 52.000 verkauften VW waren schon etwa 5000 Selbstzünder. Dieselkönig unter den deutschen Anbietern in Japan aber ist BMW, mit einer Quote von 45 Prozent bei 51.000 verkauften Autos.

          Doch sind die Diesel-Erfolge der deutschen Anbieter im japanischen Verkauf ein Erfolg in der Nische. Von den heimischen Anbietern setzt nur noch Mazda ernsthaft auf den Selbstzünder. Toyota, Subaru und Nissan haben dagegen schon das Aus für den Diesel auch in Europa verkündet. Dieselfahrverbote sind so in Japan kein Thema und die Höchstgeschwindigkeit ist auf den Autobahnen ohnehin schon meistens auf 100 Stundenkilometer festgelegt.

          Eine stürmische Debatte wie in Deutschland über die Messung von Abgaswerten an der Straße gibt es in Japan so nicht. Doch Abe kann Merkel über seinen eigenen Ärger mit der Statistik berichten. Zum Jahresbeginn wurde bekannt, dass das Arbeitsministerium die Daten für den monatlichen Arbeitsmarktbericht über Löhne und Arbeitszeiten seit Jahren in Tokio falsch erhoben hat. Löhne und Gehälter wurden in der Statistik so zu niedrig ausgewiesen und Millionen Empfänger von Arbeitslosengeld erhielten zu wenig ausgezahlt. Die Nachzahlung beläuft sich nach ersten Schätzungen auf fast 54 Milliarden Yen (430 Millionen Euro), hinzu kommt eine kostspielige Korrektur des Computerprogramms.

          Damit nicht genug: Die Regierung schaute nach diesem ersten Datenskandal genauer hin und stellte fest, dass 40 Prozent der 56 wichtigsten Statistiken fehlerhaft sind. Nun werden alle 233 Datenreihen, die von der Regierung erhoben werden, überprüft. Das Pikante an dem Statistikskandal in Japan ist, dass scheinbar in jüngerer Zeit die Lohnzuwächse zu hoch ausgewiesen worden. Üppige Lohnzuwächse sind ein Kernelement der Abenomics genannten Wirtschaftspolitik im Kampf gegen deflationäre Tendenzen. So wie in Deutschland im Streit über die Stickstoffmessungen die Zweifel an Merkels Umweltpolitik wachsen, drohen mit dem Statistikskandal in Japan mehr Zweifel an den wirtschaftlichen Erfolgen von Abe.

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