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Merkel in der Türkei : In der Höhle des Löwen

Kanzlerin Merkel und der „liebe Tayyip Erdogan” Bild: dpa

Seitdem Angela Merkel den Ausdruck der „privilegierten Partnerschaft“ vermeidet, können viele Türken mit der Kanzlerin besser leben. Ihr spröder Charme kommt an. Türkische Journalisten sehen die Kanzlerin auf dem besten Weg in die Geschichtsbücher.

          Noch einmal sprach sie das unselige Wort aus. Als CDU-Vorsitzende plädiere sie wohl weiter für das Konzept einer „privilegierten Partnerschaft“. Eisige Stille. Als Bundeskanzlerin halte sie sich natürlich an den Grundsatz „pacta sunt servanda“. Lang anhaltender, befreiender Beifall. Auf dieses Wort haben die mehreren hundert geladenen Gästen des deutsch-türkischen Wirtschaftsforums in Istanbul gewartet.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Kein Begriff klebt in der Wahrnehmung der türkischen Öffentlichkeit so stark an Angela Merkel wie jener der privilegierten Partnerschaft. In türkischen Ohren klingt die deutsche Erfindung schrill. Vor allem weil sie eine spätere Vollmitgliedschaft von vorneherein ausschließt. Anders als die Konzepte der Junior-Partnerschaft und der abgestuften Integration, die erst jetzt als neue Integrationsmodelle unterhalb einer Vollmitgliedschaft entwickelt werden. Ihre Zeit wird kommen. Denn der Begriff der privilegierten Partnerschaft wurde nie mit Inhalt gefüllt.

          Kanzlerin kommt ohne ihre Schlagworte besser an

          Zudem war er schnell abgenutzt. Auch weil die Erfinder des Begriffs nicht berücksichtigt hatten, daß er auf Türkisch mit „imtiyazli ortaklik“ zu übersetzen ist. „Imtiyaz“ aber waren die umfangreichen Handelsprivilegien an die europäischen Großmächte, die das Osmanische Reich wirtschaftlich ausgehebelt und die dessen Untergang eingeleitet haben. Die „privilegierte Partnerschaft“ also als Mittel zur gezielten Destabilisierung. Da klingt „ahde vefa“, die türkische Version von „pacta sunt servanda“, doch erheblich geschmeidiger.

          Spröder Charme: Merkel bei ihrem Türkeibesuch

          Seit das Schlagwort von der „privilegierten Partnerschaft“ vom Tisch sei, könne man mit Frau Merkel ganz gut leben, atmet Enis Berberoglu auf, der Leiter des Hauptstadtbüros der Zeitung „Hürriyet“ in Ankara. Inzwischen hat es sich bis zum letzten Türken herumgesprochen, daß die Beitrittsverhandlungen zehn bis 15 Jahre dauern werden. Weshalb also sich heute mit einem solchen Konzept alle Wege verbauen? Und die stellvertretende AKP-Vorsitzende Zeynep Uslu fragt sich leise, ob Frau Merkel vielleicht sogar ihre Meinung zur Türkei geändert habe.

          Mit Mut und Ehrlichkeit in die Geschichtsbücher

          Verändert hat sich zumindest die Meinung der Türkei zu Frau Merkel. Ihr spröder Charme kommt durchaus an. In „Hürriyet“ greift die Kolumnistin Gila Benmayor den Historikern vor: Nachdem sie die Bundeskanzlerin gehört habe, sei sie gewiß, daß Merkel als „konstruktive Politikerin der klaren Worte“ in die Geschichtsbücher eingehen werde. Eines hatten die Türken Frau Merkel ohnehin immer groß angerechnet. In den Hochzeiten der deutsch-türkischen Eintracht unter den Regierungschefs Schröder und Erdogan war sie im Februar 2004 nach Ankara gekommen. In der Höhle des Löwen hatte die damalige Oppositionsführerin standhaft für die privilegierte Partnerschaft gekämpft. Seither verbinden viele Türken mit dem Namen Merkel die Attribute Mut und Ehrlichkeit. Endlich eine europäische Politikerin, die in der Öffentlichkeit und am Kaminfeuer das gleiche sagt.

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