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Menschenhandel in Libyen : Das beste Geschäft ist immer noch das Schleusergeschäft

Der Staat zerfällt, die Grenzen im Süden sind offen: Afrikanische Migranten in der libyschen Stadt Misrata Bild: Daniel Pilar

In Libyen haben sich Mafiabanden, Milizen und Behörden zu illegalen Netzwerken zusammengeschlossen. Doch das ist nicht das einzige Problem: Die Grenzschützer in dem Land kritisieren auch Europa.

          Eigentlich macht Oberst Reda Essa einen recht ausgeglichenen Eindruck. Nur wenn er auf die Hilfsorganisationen vor seinem Einsatzgebiet zu sprechen kommt, welche die auf dem Mittelmeer die in Seenot geratenen Afrikaner retten, dann wird er sehr schnell ungemütlich. „Warum kommt ihr nicht gleich mit dem Flugzeug und holt sie ab?“, schimpft der Offizier der libyschen Küstenwache und scheint dabei zu vergessen, dass die Gescholtenen gar nicht in seinem Büro in der Stadt Misrata sitzen. „Oder kommt doch gleich mit euren Booten an Land!“ Oberst Essa kommandiert den „zentralen Sektor“ der libyschen Küste, den längsten Sektor, wie er sagt. Die Helfer würden den Schleusern die Arbeit abnehmen, erklärt er. Die Menschenhändler wüssten genau, dass sie nur noch einen geringen Teil der Strecke zurücklegen müssten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Erst vor kurzem, behauptet Oberst Essa, sei eines seiner Boote dem eines Schleusers gefolgt. Doch bevor seine Leute ihn einholen konnten, sei schon eine Hilfsorganisation zur Stelle gewesen. „Das kann man doch nicht Zusammenarbeit nennen“, sagt der Oberst zornig. Und außerdem verbreite sich die Kunde von einer schnellen Rettung sowohl unter den Schleusern als auch den Afrikanern. Was diese nicht gerade entmutige. Dabei habe die libysche Küstenwache doch schon genug zu tun.

          In Libyen zerfällt der Staat, die Wirtschaft liegt am Boden. Der Schmuggel mit Drogen und Waffen und der Menschenhandel florieren. Die Grenzen – gerade im Süden Libyens – sind weit offen. Auch über das Mittelmeer wird Schmuggelgut transportiert. In Oberst Reda Essas zentralem Sektor ist es zum Beispiel das großzügig subventionierte Benzin, das außer Landes gebracht und mit Gewinn verkauft wird. In Küstenstädten wie Misrata werden nicht wenige Fischerboote mit Tanks ausgerüstet, wie ein örtlicher Funktionär der Fischereibehörde berichtet. Immer weniger Männer fahren hinaus, um mühsam den Fang einzuholen. Nach Angaben der libyschen Staatsanwaltschaft hat der Öl- und Benzinschmuggel den libyschen Staat schon Milliarden an Dollar gekostet.

          Das beste Geschäft ist allerdings noch immer das Schleusergeschäft. Die Versuche, den Strom afrikanischer Migranten einzudämmen, sind bisher gescheitert. Für Oberst Essa und seine Leute ist es eine Sisyphosarbeit: „Wir greifen sie auf, sie kommen wieder, wir greifen sie wieder auf, sie kommen wieder“, sagt er. Die Netze der Schleuser reichten bis nach Asien. Als vor etwas mehr als einer Woche ein weiteres Unglück auf dem Mittelmeer gemeldet wurde, hieß es, auf dem gekenterten Flüchtlingsboot seien überwiegend Pakistaner gewesen.

          Sisyphusarbeit: Oberst Reda Essa

          Laut dem Lagebericht von Oberst Essa tragen vor allem die Europäer Schuld an der Misere – die Regierungen ebenso wie die Helfer auf dem Meer. „Die Europäer haben Grund, Angst zu haben“, sagt Oberst Redda. „Wenn das so weitergeht, dann siedelt ganz Afrika über.“ Und dann kommt der Küstenwachenkommandeur zu dem Punkt, auf den er eigentlich hinauswill: „So wie die Europäer das Recht haben, Angst zu haben, haben wir das Recht, Hilfe zu bekommen.“ Aber es werde nur geredet, immer nur geredet.

          Komplexe libysche Realitäten

          Solche Klagen und Forderungen sind in Libyen immer wieder zu hören – von Funktionären der Regierung, von Militärs oder Politikern. Folgt man ihren Ausführungen, ist die Lösung des Problems ganz einfach: Mehr Geld, mehr Gerät, besserer Informationsaustausch, mehr Druck auf die afrikanischen Herkunftsländer – und schon versiegt der Strom der Migranten nach Europa. Aber die libyschen Realitäten sind weniger eindeutig.

          Erst vor einigen Tagen machte ein Expertenbericht an den UN-Sicherheitsrat deutlich, dass auch Kräfte in den Menschenhandel verstrickt sind, die offiziell unter dem Banner der von den Vereinten Nationen und dem Westen unterstützten „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ agieren. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nennen die Experten konkret eine in der Hauptstadt Tripolis aktive Salafisten-Miliz, die sich als „Spezialkräfte für Abschreckung“ bezeichnet und im Dienst der Übereinkunftsregierung steht.

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