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Veranstaltung von Memorial : Russische Menschenrechtler in Moskau angegriffen

Der Eingang Memorials in Moskau im Jahr 2013 Bild: AP

In Moskau ist eine Filmvorführung der Menschenrechtsorganisation Memorial jäh unterbrochen worden. Die Angreifer beschimpften die Anwesenden. Begleitet hat sie das kremltreue Fernsehen.

          2 Min.

          Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial ist am Donnerstagabend Ziel eines Angriffs junger Männer in Zivil sowie polizeilicher Schikanen geworden. Begleitet vom kremltreuen Fernsehen, das die Aktion aufnahm, stürmten die Angreifer zwanzig Minuten nach Beginn einer Filmvorführung durch die Flure der Organisation im Zentrum von Moskau. „Alle auf den Boden“, wurde geschrien. Etwa zwei Dutzend Angreifer stürmten die Bühne vor der Leinwand und skandierten in Richtung der Zuschauer Parolen wie „Schande“, „Faschisten“ und „Wir werden nicht vergessen, nicht verzeihen“.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Gezeigt wurde der Film „Gareth Jones“ aus dem Jahr 2019 einer polnischen Regisseurin. In dem Film geht es um den britischen Journalisten dieses Namens: Jones bezeugte Anfang der 1930er Jahre den Holodomor in der Ukrainischen Sowjetrepublik, das millionenfache Sterben infolge von Stalins Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Filmvorführung fand in Zusammenarbeit Memorials mit dem polnischen Kulturzentrum statt.

          Eingangstür mit Handschellen zugesperrt

          Memorial, das einst im Ringen um die Wahrung des Andenkens an die Opfer des Sowjetterrors entstand, ist Angriffe gewohnt, insbesondere, seit die Organisation als „ausländischer Agent“ im Solde „des Westens“ diffamiert wird. Die Organisation beteuerte, alle Genehmigungen für die Filmvorführung vorweisen zu können.

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          Doch ist das für die sogenannten Provokateure, die gemeinhin als „Unbekannte“ beschrieben werden, unerheblich. Ihr Anführer rief „Verderbt nicht die Geschichte unseres Landes!“ und forderte die Leute im Saal auf, „nach Westen abzuhauen“. Memorial rief die Polizei, die Angreifer verließen den Ort, bis auf drei, die Memorial-Mitarbeiter festgesetzt und der Polizei übergeben hatten. Polizisten brachten sie fort, nahmen sie aber nicht fest, sondern ließen sie laufen, was die Regel in solchen Fällen ist.

          Vieles spricht für eine konzertierte Aktion: Die Sicherheitskräfte, unter ihnen etliche in Zivil, setzten die Zuschauer und Memorial-Mitarbeiter fest, verteilten Fragebögen zu persönlichen Daten, forderten, Vorstrafen anzugeben und, wie man von der Filmvorführung erfahren habe. Anwälte wurden nicht vorgelassen. Als die Polizei in der Nacht abrückte, nahm sie Aufzeichnungen der Überwachungskameras und einen Teil der Brandschutzanlage mit, was, wie Memorial-Juristen hervorhoben, die vorgeschriebene Feuersicherheit in Zweifel ziehe.

          Insbesondere der kremltreue Sender NTV, der auch jetzt dabei war, bringt regelmäßig Hetzfilme über die Menschenrechtler. Memorial lässt solche ungebetenen Gäste nicht freiwillig rein, doch gelangten die Eindringlinge nach Angaben der Organisation assistiert durch Helfer, die sich als Zuschauer ausgaben, durch einen Seiteneingang ins Gebäude.

          Der Memorial-Vorsitzende Jan Ratschinskij dankte auf Facebook „Freunden und Journalisten“, ohne deren rasche Ankunft bei Memorial „diese Geschichte hätte lange dauern und anders ausgehen können“. Die Filmvorführung habe man nach Abzug des „Packs“ fortgesetzt. Dass die Polizei die Eingangstür von Memorial mit einem Paar Handschellen zusperrte, bezeichnete Ratschinskij als „hervorragendes Bild der Zeit, in der wir leben“.

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