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Meinungsfreiheit in Amerika : Schleusenwärter des Anstands

  • -Aktualisiert am

Ausgabe der New York Times: Anstelle des Titelbilds der neuesten Ausgabe von „Charlie Hebdo“ findet der Leser nur eine leere Seite. Bild: AFP

In Amerika darf jeder fast alles sagen – viele Medien ziehen aber Grenzen und zensieren sich selbst. So druckten nur wenige Medien den Titel von Charlie Hebdo.

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          Wenige Stunden nach dem Massaker bei „Charlie Hebdo“ löschte die amerikanische Bildagentur AP Images mehrere Fotos. Zunächst traf es Karikaturen des Satireblatts, kurz danach verschwand die 25 Jahre alte Abbildung des Kunstwerks „Piss Christ“ aus dem Angebot. Der amerikanische Fotograf Andres Serrano hatte 1987 ein Kruzifix in ein Glas Urin getaucht und ein Hochglanzfoto davon angefertigt; der Skandal über die von Christen als Blasphemie beschimpfte Arbeit flackert zuverlässig bei jeder Ausstellung auf.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Nach dem Anschlag von Paris setzte die genossenschaftliche AP ihre Standards bei der kommerziellen Tochter durch. „Die AP versucht alles, um nicht ein Förderband für Bilder und Handlungen zu werden, die dazu dienen, Menschen auf Grundlage ihrer Religion, Rasse oder sexuellen Orientierung lächerlich zu machen oder zu provozieren“, teilte die Agentur mit. Dass man Islam, Christen- und Judentum gleich behandle, wurde einem kritischen Blogger durch die Entfernung des „Piss Christ“ bewiesen.

          Auch in dieser Woche rangen Amerikas Leitmedien mit „Charlies“ Provokationen. CNN filmte in der Druckerei aus bizarren Blickwinkeln, damit der (weinende) Prophet Mohammed auf dem neuen Heft nicht zu erkennen war. Eine Reporterin der „New York Times“ hatte am Sonntag miterleben dürfen, wie die überlebenden Redakteure an der Ausgabe feilten und sich auf den Titel verständigten. Ihr Bericht musste aber ohne ein Bild desselben auskommen. Das galt auch für die Nachricht über die Rekordauflage am folgenden Tag. Dafür wurde erwähnt, dass in der Mohammed-Zeichnung zweifach männliche Genitalien angedeutet seien. Der Redaktionsleiter der „Washington Post“ sah in dem aktuellen Hefttitel aus Paris dagegen nichts Beleidigendes und beschloss, anders als vorige Woche, einen Abdruck.

          Meinungs- und Religionsfreiheit stehen nicht im Widerspruch

          Juristischen Rat mussten die Redakteure nicht einholen. Die Meinungsfreiheit kennt in den Vereinigten Staaten kaum Grenzen. „Hier muss man schon in ein volles Theater stürmen und fälschlich ,Feuer!‘ rufen, um den Boden des Erlaubten zu verlassen“, sagt der Verfassungsjurist Eric Rassbach. Er ist froh darüber – und sieht darin keinen Widerspruch zu seiner Arbeit als Anwalt religiöser Gruppen und Personen, die er beim „Becket-Fonds für Religionsfreiheit“ vertritt. Dessen Anwälte vertraten jüngst erfolgreich die von Baptisten gegründete Bastelladenkette Hobby Lobby, die sich weigerte, dem neuen Gesetz zu folgen und ihren Mitarbeiterinnen über die Krankenversicherung die „Pille danach“ zu bezahlen. Derzeit vertritt der „Becket Fund“ vor dem Supreme Court einen muslimischen Häftling, dem der Staat Arkansas verboten hat, sich einen kurzen Bart stehen zu lassen.

          „Meinungs- und Religionsfreiheit stehen nicht im Widerspruch“, sagt Rassbach dieser Zeitung. Man dürfe den Staat nicht durch Gesetze oder internationale Abkommen gegen die Verunglimpfung von Religionen zum Schiedsrichter machen: „Des einen Glaube ist des anderen Blasphemie.“ Es gebe in den Vereinigten Staaten keine nennenswerte Bewegung, die sich für entsprechende Gesetze stark machte. Es wäre auch aussichtslos. Das Oberste Gericht pflegt einen weiten Begriff der „freien Rede“.

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