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Israels Kampf gegen Corona : „Die Disziplin hat nachgelassen“

Unterricht in einer Schule in Modi'in Bild: dpa

Israel hat die Corona-Beschränkungen weitgehend aufgehoben. Nun wird ein deutlicher Neuanstieg der Infektionen in Schulen gemeldet.

          2 Min.

          Der Alltag in Israel scheint fast wieder normal zu sein. „Wir wollen Ihr Leben erleichtern und Ihnen erlauben herauszugehen, Luft zu schnappen“, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Mitte der Woche, „einen Kaffee trinken, und auch ein Bier.“ Israels Schulen und Kindergärten haben seit Mitte Mai den Betrieb aufgenommen, und seit Mittwoch sind Parks und Schwimmbäder wieder offen, die Restaurants und Bars gefüllt. Masken tragen höchstens noch die Kellner, und einen Mindestabstand ließ sich die vergangenen Tage über höchstens noch erahnen. „Amüsieren Sie sich“, hatte Netanjahu gesagt. Nur wenige Tage später verzeichneten die Gesundheitsbehörden einen Anstieg der Neuinfektionen, die in der Zeit davor deutlich zurückgegangen waren.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Freitag wurden hundert Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet, wiewohl sich die überwiegende Zahl der neu Infizierten auf einige wenige Schulen bezog. Mehr als siebzig Prozent der in der vergangenen Woche neu gemeldeten Infektionen sind Medienberichten zufolge auf einen Ort zurückzuführen: Im Rehavia-Gymnasium in Jerusalem soll ein sogenannter Superspreader in den vergangenen Tagen allein rund hundert Schüler und Lehrer angesteckt haben. Das Kabinett verkündete am Samstag die vorübergehende Schließung von Schulen, die eine erhöhte Rate an Neuinfektionen aufweisen. Zu Wochenbeginn am Sonntag wurden in Israel achtzehn Schulen geschlossen, in denen sich die Seuche neu ausgebreitet hatte. Die Leitung des Gymnasiums Rehavia beschloss, dass die Schule erst nach Testung sämtlicher Schüler und Lehrkräfte wieder geöffnet wird. Im übrigen Land läuft der Schulbetrieb indes weiter

          Netanjahu warnte am Samstagabend vor einem „starken Anstieg“ der Infektionen, gleichwohl sei es zu früh, um daraus einen Trend ableiten zu können. „Doch kann man jetzt schon sagen, dass die Disziplin nachgelassen hat“, warnte Netanjahu in einer Fernsehansprache und forderte die Bevölkerung auf, sich an die noch geltende Maskenpflicht und die Abstandsregeln zu halten. Der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums Mosche Bar-Siman-Tov hatte zuvor von einem „Warnsignal“ gesprochen – der Anstieg der Neuinfektionen sei „klar und deutlich und hat sich in verschiedenen Landesteilen ausgebreitet“.

          Wie die meisten anderen am östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten gelegenen Staaten ist auch Israel medizinisch gesehen bislang vergleichsweise sanft durch die Corona-Pandemie gekommen. Derzeit gibt es rund zweitausend aktive Fälle im Land, insgesamt waren siebzehntausend Menschen infiziert und sind 284 Menschen gestorben. In den palästinensischen Gebieten verstarb ein halbes Dutzend Menschen, in Jordanien wurden neun Tote gemeldet, im Libanon 26.

          Israels Regierung will die Corona-Notstandsverordnungen derweil von drei auf zehn Monate verlängern. Das würde weitere Restriktionen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit sowie Ausgangssperren erlauben. Ein entsprechendes Gesetz stieß auf Kritik der Opposition: „Dies beinhaltet die Geheimdienstüberwachung und ein potentielles Verbot von Demonstrationen, die die Regierung für unerwünscht hält“, sagte Oppositionsführer Jair Lapid. Am Sonntag wollten Justizminister Avi Nissenkorn und Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit über das Gesetz beraten.

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