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Mehr Geschosse aus Gaza : Im Hagel der Hamas-Raketen

Israels Raketenabwehrsystem Iron Dome fängt Raketen ab, die vom Gazastreifen aus abgefeuert wurden, gesehen von Aschkelon am Freitag. Bild: Reuters

Laut den israelischen Streitkräften wurden seit Montag mehr als zweitausend Geschosse auf Israel abgefeuert. Das zeigt: Die Feuerkraft der Hamas und anderer Milizen ist gewachsen. Doch wie ist ihnen das gelungen?

          3 Min.

          Die meisten Israelis bekommen von den Raketen aus Gaza erst dann etwas mit, wenn diese in der Luft explodieren, zerstört durch Abfangraketen. Wie massiv dieser surreale Luftkampf dieser Tage war, zeigen Zahlen, die die Streitkräfte am Freitagabend veröffentlicht haben. Mehr als zweitausend Raketen, Mörser- und ähnliche Geschosse haben die Hamas und andere Milizen aus dem Gazastreifen demnach seit Montag auf Israel abgefeuert.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Das bedeutet einen rapiden Zuwachs an Feuerkraft: In den sieben Wochen des Gazakriegs 2014 hatten die Islamisten insgesamt viertausend Raketen abgeschossen. Damals wie heute trafen die allermeisten dieser Geschosse nicht ins Ziel. Das liegt am israelischen Abwehrsystem, das eine Trefferquote von über neunzig Prozent aufweisen soll.

          1000 Raketen vom Iron Dome abgeschossen

          Annähernd tausend Raketen seien vom Iron Dome abgeschossen worden, teilten die Streitkräfte jetzt mit. Weitere 350 seien noch im Gazastreifen selbst niedergegangen. Das deutet auf die primitive militärische Qualität vieler Geschosse hin. Zu vermuten ist, dass die Algorithmen der computerisierten israelischen Raketenabwehr eine Vielzahl weiterer Raketen einfach niedergehen ließen, bei denen im Voraus berechnet werden konnte, dass die Flugbahn in offenes Gelände oder ins Meer führte.

          Bild: F.A.Z.

          Doch haben die derzeitigen Waffenstillstandsangebote der Hamas ihren Grund wohl nicht unbedingt darin, dass den Islamisten die Geschosse ausgehen. Wie ein ranghoher Kommandeur der israelischen Streitkräfte der F.A.Z. und anderen Medien im Februar mitteilte, verfügte die Hamas zu dem Zeitpunkt über rund siebentausend Raketen, zehntausend Mörsergranaten, dreihundert Panzerabwehrlenkwaffen und hundert Flugabwehrraketen. Zudem besaß die Miliz „Palästinensischer Islamischer Dschihad“ demnach weitere sechstausend Raketen, sechstausend Mörsergeschosse sowie rund hundert Panzerabwehrlenkwaffen. Hinzu kommen bei beiden Milizen jeweils Dutzende einfache Drohnen.

          Belastbare und nachprüfbare Angaben sind kaum zu erlangen. Doch scheinen die meisten der abgefeuerten Geschosse Kurzstreckenraketen vom russischen Typ Grad oder Kassem zu sein, die in Gaza seit mindestens 2001 vornehmlich im Eigenbau hergestellt werden. Sie können aus Löchern oder von einfachen tragbaren Lafetten abgefeuert werden und ohne eigenes Leitsystem rund zehn Kilometer weit fliegen. „Einige davon basieren auf Abwasserrohren“, sagt ein gut vernetzter Israeli.

          Manche dieser mit Treibladung und Sprengkopf versehenen Projektile würden im Sand verbuddelt, mit einem simplen Timer versehen und dann abgefeuert, ohne dass ein sofortiger Gegenschlag die entsprechenden Bediener treffen kann. Zeitweise waren die Milizen jetzt in der Lage, mehr als hundert solcher oder ähnlicher Geschosse binnen weniger Minuten abzufeuern, um die Raketenabwehrbatterien zu übersättigen und mutmaßlich in dieser Art von Raketenschatten dann höherwertige Raketen größerer Reichweite loszuschicken, die dann auch bis Tel Aviv oder Beersheva gelangten.

          Psychologischer Druck durch Geschosse

          Israelische Militärs sagen, dass die Hamas ihre Bauanleitungen aus dem Ausland, etwa aus Iran erhält. „Ohne die Unterstützung Irans hätten wir diese Fähigkeiten nicht“, zitierte die New York Times den Hamas-Chef im Gazastreifen Jahja Sinwar selbst, der dies 2019 sagte. Eine der bis nach Tel Aviv reichenden Raketen wie die bis zu 75 Kilometer fliegende M-75 soll auf iranischer Technologie (Fajr 5) basieren. Hinzu kommen wahrscheinlich eingeschmuggelte weitere Raketen und Teile. Am Donnerstag hatte die Hamas eine Rakete zweihundert Kilometer weit bis in die Nähe der Stadt Eilat geschossen.

          Großen militärischen Schaden richten die Geschosse aus Gaza trotz schlimmer Einzelfälle und dem psychologischen Druck, den sie verbreiten, in Israel nicht an. Dafür sorgt der Iron Dome des israelischen Herstellers Rafael. Die erste Batterie wurde 2011 aufgestellt, heute soll Israel unbestätigten Berichten zufolge etwa zehn davon besitzen. Jede dieser Batterien besteht üblicherweise aus jeweils einem Radarsystem, einem Rechnerzentrum sowie drei Raketenwerfern à zwanzig Abwehrraketen. Genaue Zahlen oder die stets wechselnden Positionen der Batterien geben die Streitkräfte nicht bekannt.

          Bekannt ist eine Reichweite zwischen vier und siebzig Kilometern. Die Gefechtsköpfe der Abfangraketen explodieren innerhalb von einem Meter vor der feindlichen Rakete. Da das per Algorithmus optimierte System berechnen kann, bei welcher Rakete es sich überhaupt lohnt sie abzufangen, gilt es als kostengünstig im Vergleich zu Abwehranlagen anderer Hersteller. Doch ist auch Iron Dome nicht billig: Zwischen 20.000 und 50.000 Dollar soll eine einzige Abwehrrakete kosten. Wenn man dies mit den oft nur einige hundert Dollar teuren Hamas-Geschossen ins Verhältnis setzt, kommt eine kostspielige Gleichung zustande.

          Auch deshalb unterstützen die Vereinigten Staaten Israels Luftabwehr in einem unter dem früheren Präsidenten Barack Obama geschlossenen Abkommen, das noch bis 2028 läuft, für alle Luftabwehrsysteme jedes Jahr mit insgesamt fünfhundert Millionen Dollar. Es ist eine Investition, die dem Militär Handlungsspielraum und dem Gros der israelischen Bevölkerung ein sicheres Leben bietet.

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