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Menschenrechtler melden : Hunderte Festnahmen bei Protesten in Belarus

  • Aktualisiert am

Sicherheitskräfte tragen die Aktivistin Nina Baginskaja am Rande einer Demonstration in Minsk weg. Bild: dpa

Am Samstag gingen in Minsk wieder Frauen gegen Lukaschenka auf die Straße. Die Polizei soll nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation mehr als 200 von ihnen in Gewahrsam genommen haben.

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          Bei einer Protestaktion von Frauen in Belarus gegen Staatschef Aleksandr Lukaschenka hat es nach Angaben von Menschenrechtlern mehr als 200 Festnahmen gegeben. Das Bürgerrechtsportal spring96.org veröffentlichte am Samstag die Namen von mehr als 200 Frauen, die bei der Aktion in der Hauptstadt Minsk in Gewahrsam genommen wurden. Die Zahl war etwa doppelt so hoch wie bei den Protesten am Samstag vor einer Woche, als maskierte Uniformierte das erste Mal überhaupt mit brutaler Gewalt gegen die friedlichen Demonstrantinnen vorgegangen waren. Dabei gab es vor einer Woche auch Verletzte.

          Trotz Gewaltandrohung durch die Polizei versammelten sich wieder zahlreiche Frauen in Minsk. „Wir vergessen nicht! Wir vergeben nicht!“ und „Lukaschenka w Awtosak!“ – zu Deutsch: „Lukaschenka, in den Gefangenentransporter“, skandierten die Demonstrantinnen am zentralen Komarowski-Markt. An mehreren Stellen standen Gefangenentransporter bereit. Autofahrer hupten den Frauen solidarisch zu.

          Als die Uniformierten zugriffen, schrien die Frauen laut und riefen „Posor!“ („Schande!“). Auch die 73 Jahre alte Nina Baginskaja, eine Veteranin der Protestbewegung und eine seit ihrem Kampf gegen die Kommunisten zu Sowjetzeiten bekannte Dissidentin, wurde in einen Transporter gezwungen.

          „Marsch der weiblichen Solidarität“

          Seit der Präsidentenwahl am 9. August kommt es in Belarus täglich zu Protesten. Lukaschenka hatte sich mit 80,1 Prozent der Stimmen nach 26 Jahren im Amt zum Wahlsieger erklären lassen. Der 66-Jährige strebt eine sechste Amtszeit an. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Siegerin.

          Der „Marsch der weiblichen Solidarität“, wie er hieß, war am Samstag zunächst ohne Polizeieinsatz durch mehrere Straßen gezogen. „Lang lebe Belarus!“, riefen Frauen, während sie die historischen weiß-rot-weißen Fahnen trugen. Teils spannten sie Regenschirme in den Farben der Revolution auf, weil Sicherheitskräfte die Fahnen immer wieder beschlagnahmen. Die Dissidentin Baginskaja verlor am Samstag ihre inzwischen siebte Fahne.

          Die Demonstrantinnen fordern Neuwahlen ohne Lukaschenka, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt. Auch in anderen Städten des Landes waren die Frauen wie an den vergangenen Samstagen aufgerufen, friedlich gegen „Europas letzte Diktatur“ zu demonstrieren. Das teilten die Organisatorinnen von Girl Power Belarus in ihrem Nachrichtenkanal bei Telegram mit.

          Die Polizei hatte wie täglich bei Protesten gegen Lukaschenka gewarnt, dass die Straßenaktionen nicht genehmigt seien. Erlaubt werden nur Kundgebungen von Unterstützern Lukaschenkas, die aber kaum Zulauf haben.

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