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Medienunternehmer vor dem Parlament : Murdoch weist jegliche Schuld von sich

  • Aktualisiert am

Rupert und James Murdoch vor dem Ausschuss des Unterhauses aus Bild: REUTERS

Rupert Murdoch hat „in größter Demut“ jegliche Kenntnis des Fehlverhaltens von Mitarbeitern im Abhörskandal bestritten. Er sei von den Verantwortlichen in die Irre geleitet worden.

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          Der amerikanisch-australische Medienunternehmer Rupert Murdoch hat sich bei den Opfern des Abhörskandals in Großbritannien entschuldigt. Er selbst will aber keine Verantwortung dafür übernehmen. „Das ist für mich der Tag größter Demut“, sagte Murdoch am Dienstag während einer Anhörung durch den Kulturausschuss des britischen Parlaments. Er selbst habe erst vor kurzem erfahren, dass Journalisten seiner inzwischen eingestellten Boulevardzeitung „News of the World“ sogar das Mobiltelefon eines entführten und später ermordeten britischen Schuldmädchens abgehört und manipuliert hatten. „Schockiert und angewidert“ sei er darüber gewesen. „Wir haben das Vertrauen unserer Leser missbraucht“, sagte der 80 Jahre alte Vorstandschef des amerikanischen Konzerns News Corp, der zu den größten Medienunternehmen der Welt zählt. Die Frage eines Abgeordneten, ob er sich persönlich verantwortlich sehe für die Machenschaften seiner Journalisten verneinte Murdoch. Er habe seinen Mitarbeitern vertraut.

          Während der Ausschusssitzung attackierte ein junger Mann aus dem Publikum Murdoch und versuchte ihn offenbar mit einem Pappteller voll Rasierschaum zu beschmieren. Murdochs Ehefrau Wendi, die direkt hinter ihm saß, wehrte den Angreifer jedoch ab. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete unterdessen, die News Corp erwäge Murdoch als Vorstandschef abzulösen und ihn durch den bisher für das Tagesgeschäft verantwortlichen Manager Chase Carey zu ersetzen. Murdoch wirkte in der Londoner Befragung vor allem zu Beginn sichtlich verunsichert. Er konnte eine Reihe von Detailfragen nicht beantworten, sprach zögerlich und oft mit langen Pausen. Teilweise war unklar, ob er die Fragen der Abgeordneten richtig verstanden hatte.

          In der Anhörung mussten auch Murdochs Sohn James und die vergangene Woche zurückgetretene britische Verlagschefin Rebekah Brooks Rede und Antwort stehen. James Murdoch verdammte ebenfalls die im großen Stil betriebenen Bespitzelungen. „Dieses Verhalten entspricht nicht unseren Standards, wir bedauern es zutiefst“, sagte James Murdoch, der von London aus das Europageschäft der News Corp leitet.

          Cameron: Abhörskandal „großes Problem“

          Der Medienmanager, der bislang als designierter Nachfolger seines Vaters an der Unternehmensspitze galt, hat vertraulichen Zahlungen in Millionenhöhe an Abhöropfer zugestimmt, um Gerichtsprozesse zu verhindern. Sein Vater sagte am Dienstag, davon habe er nichts gewusst.

          Am Mittwoch will der britische Premierminister David Cameron in einer Sondersitzung des Parlaments Stellung zu dem Fall beziehen. Cameron, der sich am Dienstag auf einem Staatsbesuch in Nigeria befand, bezeichnete den Abhörskandal als „großes Problem“, das aber gelöst werde. Cameron gerät wegen der Spitzeleien selbst mehr und mehr unter Druck, weil er 2009 den schon damals unter Verdacht stehenden früheren Chefredakteur der „News of the World“, Andy Coulson, zu seinem Kommunikationsdirektor ernannt hatte. Cameron kürzt wegen des Skandals seine Afrika-Reise ab.

          Tippgeber tot aufgefunden

          In den ersten Bemühungen parlamentarischer Aufklärung befragten am Dienstag vor den Abgeordneten des Kulturausschusses die Mitglieder des Innenausschusses die zurückgetretene Londoner Polizeispitze. Der bisherige Polizeipräsident Sir Paul Stephenson begründete seinen Rücktritt abermals damit, er habe nicht selbst zum Gegenstand von Berichterstattungen im Zusammenhang mit der Abhöraffäre der „News of the World“ werden wollen. Außerdem stehe London angesichts der fortdauernden Terrorbedrohung und der im kommenden Jahr bevorstehenden Olympischen Spiele vor großen Herausforderungen.

          Der ebenfalls zurückgetretene stellvertretende Polizeipräsident John Yates äußerte vor dem Innenausschuss sein Bedauern, die Ermittlungen in der Abhöraffäre nicht schon vor zwei Jahren wieder aufgenommen zu haben, nachdem Zeugenaussagen den Verdacht genährt hatten, es seien weit mehr Persönlichkeiten Opfer von Lauschangriffen geworden, als bis dahin durch die Ermittlungen und das Gerichtsverfahren gegen einen Reporter und einen Detektiv des Sonntagsblattes bekannt war.

          Unterdessen wurde einer der Tippgeber, die über die Abhörmethoden von Journalisten der „News of the World“ berichteten, in seiner Wohnung in Watford nördlich von London tot aufgefunden. Sean Hoare, ein früherer Reporter des Blattes, der dort wegen seiner Alkohol- und Rauschgiftsucht seine Stelle verlor, hatte der „New York Times“ und der BBC gesagt, sein früherer Chefredakteur Coulson, den Premierminister Cameron später zu seinem Kommunikationsdirektor ernannt hatte, habe von den Abhörpraktiken gewusst. Die Polizei gab nach dem Auffinden von Hoares Leichnam an, sein Tod werde als „ungeklärt, aber nicht verdächtig“ untersucht.

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