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Medien in Russland : Todesdrohungen am Waldrand

  • -Aktualisiert am

Erregbar: Alexandr Bastrykin Bild: dpa

Der Chef von Russlands Ermittlungsbehörde hat dem stellvertretenden Chefredakteur der Zeitung „Nowaja Gaseta“ gedroht, ihn umbringen zu lassen. Nach einer Welle der Empörung musste er sich entschuldigen.

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          Fünf Autoren und Reporter der unabhängigen russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ sind in den vergangenen Jahren ermordet worden. Trauer um Kollegen war ein Grund, weshalb der Getöteten Igor Domnikow, Jurij Schtschekotschichin, Anna Politkowskaja, Anastassija Baburowa und Natalja Estemirowa mit Porträts an den Wänden im Moskauer Redaktionsgebäude der Zeitung gedacht wird. Die Bilder sollen aber auch daran zu erinnern, unter welchen Gefahren russische Reporter arbeiten, die genau recherchieren und über Missstände im Land wie zum Beispiel die Korruption der Herrschenden berichten. Erst kürzlich ist die Zeitung wegen dieser Unbeugsamkeit in Aachen mit dem Europäischen Medienpreis (Karlsmedaille) ausgezeichnet worden. Chefredakteur Dmitrij Muratow sagte dieser Zeitung damals, dass der Preis sicher keine Immunität bringe, denn die korrupte russische Elite lasse sich von einer solchen Ehrung nicht beeindrucken.

          Diese Woche sah sich Muratow gezwungen, einen offenen Brief an Aleksandr Bastrykin zu schreiben, den Leiter des „Ermittlungskomitees (SK), einer der mächtigsten Behörden Russlands. Darin forderte er eine Entschuldigung dafür, dass Bastrykin dem stellvertretenden Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“ Sergej Sokolow mit dem Tode gedroht habe; zudem habe Bastrykin sich noch „Witz“ erlaubt, dass ja er die Ermittlungen leiten werde, falls Sokolow etwas zustoße. Muratow forderte von Bastrykin eine öffentlich abgegebene Garantie für Leib und Leben seines stellvertretenden Chefredakteurs und der anderen Mitarbeiter der Zeitung.

          Karriere als Verbrecher

          Sokolow hatte in einem Kommentar in der „Nowaja Gaseta“ die Arbeit des SK bei der Aufklärung der Ermordung von zwölf Menschen - darunter vier Kindern - in dem südrussischen Ort Kuschtschowka im November 2010 kritisiert. Er erregte sich vor allem über das milde Urteil gegen Sergej Zepowjas, der das Verbrechen aktiv begünstigt hatte, aber dennoch mit einer Geldstrafe von nur 150.000 Rubel (3750 Euro) davonkam. Sokolow schrieb, Zepowjas sei die rechte Hand des Bandenchefs Sergej Zapok gewesen, dessen Leute die Morde begangen hatten. Dennoch hätten die Ermittler des SK sich nicht in der Lage gesehen, mehr Straftaten dieses Mannes zutage zu fördern, der neben seiner Karriere als Verbrecher auch Mitglied des Stadtrates und der Kremlpartei Einiges Russland gewesen sei. Sokolow meinte, Bastrykin und andere hohe Beamte stünden deshalb als Handlanger „aller Zapoks im Lande“ da, und rechnete mit Entrüstung vor, dass dem Gericht ein Leben in Kuschtschowka nur etwa 12.500 Rubel (312 Euro) wert sei. Zudem bemerkte er in sarkastischem Ton, dass die „Beunruhigung der Staatsmacht durch Demonstrationen“ demnächst mit Strafen von bis zu anderthalb Millionen Rubel (37.500 Euro) geahndet werden könne, nachdem die Parteifreunde des so milde behandelten Zepowjas in Moskau mit einem neuen Gesetz dafür gesorgt hätten.

          Sokolow wurde darauf von Bastrykin, der sich beleidigt fühlte, zu einer Besprechung der Sicherheitskräfte in der Hauptstadt der Nordkaukasus-Republik Kabardino-Balkarien, Naltschik, geladen. Sokolow entschuldigte sich dort zwar für die möglicherweise zu große Schärfe seines Kommentars, beharrte aber darauf, dass er in der Sache gleichwohl begründet gewesen sei, was er demnächst mit zusätzlichen Beweisen zeigen werde. Nach dem Rückflug nach Moskau sei Sokolow von Bastrykins Leuten mit einem Auto in ein Wäldchen bei der Hauptstadt gebracht worden. Dort habe der Chef des SK seine Leibwächter weggeschickt und Sokolow mit dem Tod bedroht.

          Das Produkt eines kranken Gehirns

          Bastrykin schwieg zunächst, während aufgebrachte Journalisten zuvor am Mittwoch Mahnwachen vor Bastrykins Moskauer Hauptquartier organisierten und dessen Rücktritt forderten. Nachdem in Zeitungskommentaren am Donnerstag die Befürchtung ausgesprochen worden war, die reaktionäre Fraktion des „kollektiven Putin“ habe den „Silowiki“ (Uniformträgern) einen Freibrief für die Verfolgung aller Putin-Gegner ausgestellt, entschloss sich Bastrykin zur Verteidigung. Der Internetseite der Zeitung „Iswestija“ sagte er, Sokolows Bericht sei erstunken und erlogen, das Produkt eines kranken Gehirns - er sei seit Jahren in keinem Wald mehr gewesen. Diese Verteidigungslinie hielt nicht lange: Am Donnerstagabend musste Bastrykin zugeben, Sokolow bedroht zu haben - wenn auch nicht in einem Wald, sondern am Waldrand. Zudem sah er sich gezwungen, sich bei einem Treffen mit Muratow und Chefredakteuren anderer Medien für seinen „Gefühlsausbrauch“ zu entschuldigen und das auch gegenüber Sokolow am Telefon zu wiederholen. Am Ende reichte man sich die Hand.

          Die „Nowaja Gaseta“ ließ wissen, dass sie den Konflikt mit Bastrykin damit als beendet betrachte. Nach einer der zahlreichen Theorien über die Hintergründe der haarsträubenden Ereignisse ist es der „Nowaja Gaseta“ nur deshalb gelungen, Bastrykin zu dem Eingeständnis zu zwingen, dass er zuvor gelogen habe, weil sie rechtzeitig an die Öffentlichkeit gegangen sei und Beweise für die Bedrohung Sokolows besessen habe. Hinzu sei wohl gekommen, dass Bastrykins Stellung in den internen Kämpfen im Machtkartell um Putin, bei denen es auch um eine Neubesetzung an der Spitze des SK gehe, durch den Skandal geschwächt werden könnte, weshalb sich Bastrykin zu der Entschuldigung entschlossen habe. Das Problem von Gewalt und Einschüchterung, deren Leidtragende immer wieder russische Journalisten werden, ist indes durch den Handschlag nicht gelöst.

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