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Matteo Salvini : Populist mit Rosenkranz

Vor allem der harten Haltung in der Immigrationspolitik haben Salvini und seine Lega ihren derzeitigen Höhenflug zu verdanken: In der Rangliste der beliebtesten Politiker hat Salvini laut Umfragen sogar Präsident Sergio Mattarella überflügelt. Seine Lega, die bei den Wahlen im März 17,4 Prozent der Stimmen erreicht hatte, liegt derzeit bei rund 34 Prozent. Da 81 Prozent der Italiener nominell Katholiken sind, müssen allein aus statistischen Gründen auch viele Wähler und Sympathisanten der Lega Katholiken sein – und sich mithin nicht an die recht unverhohlenen politischen Wegweisungen ihrer Kirchenführung und des Vatikans halten. Familienminister Lorenzo Fontana ist der führende Vertreter des sozial konservativen Flügels der Lega und zudem einer der stellvertretenden Parteichefs. Fontana ist der Überzeugung, dass die „schweigende Mehrheit“ der Katholiken nicht nur die harte Einwanderungspolitik seiner Partei unterstützt, sondern auch deren Positionen in der Sozial- und Familienpolitik. Fontana bezeichnet sich selbst als „politischen Kreuzritter“ im Kampf gegen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und die Erosion des traditionellen Familienbildes.

Auch der konservative katholische Publizist und Buchautor Antonio Socci ist der Überzeugung, dass die Führung der katholischen Kirche in Italien um Kardinal Bassetti nicht für die Mehrheit ihrer Herde spricht. Wie ihr Innenminister wollten auch die Mehrheit der Italiener und der italienischen Katholiken nicht, dass „Italien zum Flüchtlingslager Europas und Afrikas wird“. Wer heute tatsächlich die stumme Masse der italienischen Katholiken besser zu verstehen und authentischer wiederzugeben vermag, ist fraglich.

Wahr ist, dass die katholischen Wähler Italiens seit dem Untergang der Partei Democrazia Cristiana (DC) 1994 politisch obdachlos sind. Keine tatsächliche oder auch nur selbsternannte Nachfolgerin der DC hat es wie diese verstanden, über Jahre und Jahrzehnte, gar über ein halbes Jahrhundert hinweg die katholischen Wähler Italiens an sich zu binden. Von Silvio Berlusconi, dem politischen Großvater aller europäischen Populisten, und von dessen konservativer „Forza Italia“ wandten sich immer mehr Katholiken mit Grausen ab, je öfter der „Cavaliere“ seine Kabinette und seine Gespielinnen wechselte. Der sozialdemokratische Partito Democratico und dessen Vorgängerparteien boten dauerhaft nur dem kleinen Häuflein der Linkskatholiken politischen Unterschlupf. Naturgemäß gibt es kurz vor dem hundertsten Jahrestag der Gründung des historischen Partito Popolare Italiano von Luigi Sturzo und Alcide De Gasperi vom 15. Januar 1919 auch jetzt wieder Versuche der Neubelebung oder Neugründung einer katholischen, christlich-demokratischen Volkspartei. Die Erfolgsaussichten sind gering.

Insgesamt ist der politische Einfluss der katholischen Kirche in den vergangenen Jahrzehnten geschmolzen. Aber die italienischen Katholiken und die katholischen Wähler sind natürlich noch da. Dem Buchstaben des politischen Handbuchs der Populisten folgend, versuchen Salvini und seine Lega einen möglichst großen Teil dieses Wählerpotentials „abzuholen“. Sie gerieren sich als Rebellen der schweigenden Basis gegen „die da oben“. Die italienische Bischofskonferenz um Kardinal Bassetti und der Vatikan unter Franziskus kommen den italienischen Populisten mit ihrer politischen Fixierung auf das Thema Immigration entgegen. Es ist nicht schwer, sie als Teil des Establishments hinzustellen.

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