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US-Abgeordneter Matt Gaetz : Trump-Freund auf Abwegen

  • -Aktualisiert am

Matt Gaetz sitzt vergangenen Mittwoch in einer Ausschusssitzung des Repräsentantenhauses. Bild: Michael Reynolds/EPA

Der amerikanische Kongressabgeordnete Matt Gaetz soll Prostituierte bezahlt, in andere Bundesstaaten gebracht und an Männer vermittelt haben. Der Trump-Anhänger selbst sieht sich als Opfer.

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          Es sei „eines der merkwürdigsten Interviews“ gewesen, die er je geführt habe, sagte ein konsternierter Tucker Carlson bei „Fox News“ Ende März. Gerade hatte er den Kongressabgeordneten Matt Gaetz verabschiedet, nach einem wirren Gespräch. Gaetz, glühender Trump-Anhänger und Spross einer Politiker-Familie aus Florida, hatte behauptet, er werde erpresst.

          Das FBI ermittelt gegen Gaetz, weil er Prostituierte bezahlt, in andere Bundesstaaten gebracht und an Männer vermittelt haben soll. Eine der Betroffenen soll zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt gewesen sein. Carlsons Empörung war auch als Distanzierungsgeste gedacht. Er ärgerte sich, weil Gaetz im Interview scheinbar beiläufig an ähnliche Vorwürfe gegen ihn selbst erinnert hatte. Der Politiker hatte außerdem gesagt, Carlson erinnere sich sicher an eine Begegnung in einem Restaurant, bei der er, Gaetz, eine junge Frau dabei gehabt habe.

          Gaetz hat die Behauptung, alles sei nur ein Komplott gegen seine Familie, inzwischen aufgegeben. Zu viele Details über seine Kontakte mit mutmaßlichen Prostituierten sind im Umlauf. Der 39 Jahre alte Politiker ist aber bislang nicht angeklagt worden – anders als sein Freund Joel Greenberg, der in Haft ist. Zwischen dem ehemaligen Finanzbeamten aus Florida und Gaetz gab es zahlreiche Geld-Transfers auf der App Venmo. Greenberg gab in einem Brief an, dass Gaetz ihn für die Vermittlung von Frauen bezahlt habe.


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          An diesem Wochenende soll er einen Deal mit dem Staatsanwalt machen. Berichten zufolge könnte er umfassend über Gaetz Auskunft geben. Das Magazin „The Daily Beast“ berichtete zudem, mehrere Frauen hätten gesagt, Greenberg habe sie mit Drogen gefügig gemacht oder dies versucht. Der ehemalige Steuerbeamte soll auch Ausweise junger Frauen gefälscht haben.

          Reizthema Prostitution

          Prostitution ist in den meisten amerikanischen Bundesstaaten verboten, Zuhälterei wird auch juristisch häufig unter dem Begriff „sex trafficking“ subsumiert, was für Europäer eher mit Menschenhandel übersetzt werden würde. So wird der Unterschied zwischen Prostitution und Zwangsprostitution in der öffentlichen Diskussion häufig zum Verschwinden gebracht. Die Probleme von Gaetz beschränken sich aber nicht auf die Frage, ob er Frauen für Sex bezahlt hat und ob unter den Betroffenen eine 17 Jahre alte Frau war. Gaetz könnte auch Kampagnengeld für diesen Zweck entfremdet haben.

          Und dann ist da noch seine Arbeit für die Legalisierung von Marihuana. Medienberichten zufolge interessieren sich die Ermittler für eine Reise auf die Bahamas, an der neben Gaetz auch der Marihuana-Unternehmer Halsey Beshears und der Chirurg Jason Pirozzolo teilnahmen. Pirozzolo soll die Reisekosten sowie mehrere Prostituierte bezahlt haben. Beide betätigen sich seit Langem als Lobbyisten für die Freigabe von Marihuana, und Pirozzolo spendete zweimal je 1000 Dollar für Gaetz' Kongresswahlkämpfe.

          Als Republikaner pro Marihuana

          Gaetz setzt sich seit fast zehn Jahren für die Legalisierung von Marihuana ein, als einer von wenigen prominenten Republikanern. Das Potential von Floridas Marihuana-Branche schätzen Fachleute auf 1,2 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr. Der Bundesstaat könnte daran über Steuern mit verdienen. Bislang ist Marihuana in Florida nur für medizinische Zwecke erlaubt, 17 Bundesstaaten haben inzwischen auch den privaten Konsum legalisierten. Falls Gaetz nachgewiesen werden kann, dass er sich bestechen ließ, drohen ihm auch Korruptions-Klagen.

          Greenberg soll versucht haben, über den Trump-Freund Roger Stone in den vergangenen Tagen vor dem Regierungswechsel eine Begnadigung zu erreichen – im Tausch gegen eine Viertelmillion Dollar in Bitcoin. Auch Gaetz selbst soll sich, wie die New York Times, berichtet, erkundigt haben, ob Trump ihm eine präventive Begnadigung geben könnte. Trump soll dies erwogen haben, aber ihm sei abgeraten worden.

          Kultur der Doppelmoral

          Für viele Kritiker steht der Fall Gaetz vor allem für eine Kultur der Doppelmoral unter Männern in Machtpositionen. Gaetz soll wiederholt gegenüber anderen Politikern mit seinem Privatleben geprahlt und manchen Kollegen Nacktfotos von Frauen auf seinem Handy gezeigt haben. Politisch fiel er in den vergangenen Jahren vor allem dadurch auf, dass er Trump und dessen Lügen verteidigte. Er war zum Beispiel unter jenen, die Trump für den Friedensnobelpreis vorschlugen. Nach der Attacke auf das Kapitol verbreitete er die Lüge, die Antifa sei unter den Angreifern gewesen. Das Coronavirus bezeichnete er als „Monster“, das in einem Labor im chinesischen Wuhan „geboren“ worden sei.

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          Kürzlich stilisierte sich Gaetz auf einer Veranstaltung in einem Trump-Golfclub zum Opfer und sagte: „Ich bin im Kongress ein gebrandmarkter Mann. Ich bin in manchen Ecken des Internet ein gecancelter Mann, ich mag ein gesuchter Mann für den Deep State sein, aber ich bin ein Mann aus Florida, und es ist gut, zu Hause zu sein.“

          Derweil sieht es so aus, als habe der Abgeordnete schon vorausgedacht. Gaetz ist dafür bekannt, dass er sich gern im Fernsehen sieht. Im Haus seines Vaters in der Nähe von Tallahassee hat er sich für seine Interviews ein TV-Studio eingerichtet. Die Politik-Webseite Axios berichtete kürzlich, Gaetz erwäge, 2022 nicht wieder anzutreten oder gar vorzeitig aus dem Kongress auszuscheiden. Bei Newsmax, dem rechten TV-Sender, könnte er eine Zukunft als Talkshow-Host haben, hieß es. Dann könnte er, ähnlich wie Tucker Carlson oder Sean Hannity, Geld mit Verschwörungsmythen verdienen und eine neue Trump-Kampagne für 2024 anheizen.

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