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Massaker von Srebrenica : Unerwünschtes Stochern in alten Geschichten

General Mladic (li.) und Serbenführer Karadzic Bild: dpa

Das Massaker von Srebrenica liegt mittlerweile knapp zwölf Jahre zurück. Griechische Freiwillige waren am Massenmord an mehr als 7000 männlichen Muslimen beteiligt - doch die Justiz interessiert sich nicht dafür.

          6 Min.

          Am Nachmittag des 11. Juli 1995 fing eine Einheit der bosnischen Regierungsarmee in der Stadt Tuzla einen Funkspruch der bosnisch-serbischen Truppen des Generals Ratko Mladic ab, die wenige Stunden zuvor die seit Jahren belagerte muslimische Enklave Srebrenica im Osten des Landes eingenommen hatten. Die Meldung beseitigte letzte Zweifel an dem Schicksal, das die Stadt erlitten hatte: Es hieß darin, die serbische Flagge sei über der zerstörten orthodoxen Kirche des Ortes gehisst worden - die UN-Schutzzone Srebrenica war in die Hände der bosnischen Serbenarmee (VRS) gefallen. Wenig später wurde in Tuzla ein weiterer Funkspruch der Serben mitgehört.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Sein Inhalt ist in der umfassendsten Darstellung zu finden, die zu dem auf die Einnahme folgenden Massenmord an mehr als 7000 männlichen Muslimen in Srebrenica veröffentlicht wurde. Dies ist der mehrere tausend Seiten umfassende Bericht des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (Niod), der 1996 von der Haager Regierung in Auftrag gegeben worden war und nach seiner Veröffentlichung im April 2002 zum Rücktritt von Ministerpräsident Kok und seinem Kabinett führte. Unter dem Titel „Der Fall Srebrenicas“ heißt es im sechsten Kapitel des dritten Teils dieser voluminösen Studie: „Eine andere Nachricht erwähnte den Vorschlag, dass die griechischen Söldner, die für die VRS kämpften, ihre Flagge ebenfalls hissen müssen, und dass dies ,zu Marketingzwecken' auf Video aufgenommen werden müsse“.

          „Absurd pro-serbische“ Berichterstattung

          Dabei war Marketing zumindest in der Heimat der Söldner kaum nötig, denn die großserbische Sache erfreute sich bei den Griechen ohnehin großer Unterstützung. Zwei Tage nach dem Fall der Enklave, als das Massaker an den eingeschlossenen Muslimen der Kleinstadt weitgehend abgeschlossen war, berichtete die Athener Tageszeitung „Ethnos“, dass in Srebrenica die griechische und die serbische Flagge Seite an Seite gehisst worden seien, als Beweis „der Liebe und der Solidarität der beiden Völker und der Dankbarkeit, die die serbischen Soldaten für die griechischen Freiwilligen empfinden, die an ihrer Seite kämpfen“. Diese Art der Berichterstattung über die größten Verbrechen auf europäischem Boden seit 1945 war in Griechenland Regel, nicht Ausnahme.

          Der frühere griechische Parlamentsabgeordnete und Minister Andreas Andrianopoulos macht die „absurd pro-serbische“ Berichterstattung der Massenmedien des Landes dafür verantwortlich, dass die öffentliche Meinung in Griechenland „den Westen“ für alle Übel der Belgrader Kriege verantwortlich machte. Andrianopoulos ist als einer der wenigen gegen diesen Meinungsstrom geschwommen. Er war es auch, der im Jahr 2005 im Parlament eine Untersuchung der näheren Umstände der griechischen Beteiligung an dem Massaker verlangte.

          „Nicht die leiseste Ahnung“

          Dazu ist es bisher jedoch nicht gekommen, auch wenn zunächst tatsächlich eine Untersuchung eingeleitet und Andrianopoulos, der sich in den neunziger Jahren intensiv mit den Kriegen in Griechenlands Nachbarschaft beschäftigt hatte, von der Staatsanwaltschaft zu einem Gespräch geladen wurde. Er habe die mit der Untersuchung beauftragte Staatsanwältin auf Zeitungsartikel und Fotografien aufmerksam gemacht, in denen sogar die Namen griechischer Kämpfer erwähnt wurden, sagt er. „Aber danach geschah nichts. Ich habe nie wieder etwas gehört.“

          Er habe daher auch „nicht die leiseste Ahnung“, was aus den Ermittlungen geworden sei, obwohl er annehme, dass die Staatsanwaltschaft die mit dem Verbrechen in Verbindung gebrachten Männer durchaus ausfindig machen könne - zumal einer der mutmaßlichen Mittäter noch nach seiner Anfrage im Parlament in einem ausführlichen Zeitungsinterview über die Griechen in Srebrenica berichtet habe. Doch es war nicht nur Desinteresse, das Andrianopoulos nach seinem Vorstoß begegnete. Der zuletzt parteilose Abgeordnete spricht auch von gehässigen Medienkommentaren, in denen gefragt wurde, warum er diese alte Geschichte ausgrabe.

          „Wer hat das organisiert?“

          Von solchen Reaktionen weiß auch der Publizist Takis Michas zu berichten, der sich wie kein Zweiter in seinem Land mit der Rolle Griechenlands in den Balkankriegen beschäftigt hat. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er in dem Buch „Die unheilige Allianz - Griechenland und Milosevics Serbien“ zusammengefasst. Es ist bezeichnend, dass Michas das Buch zunächst in englischer Übersetzung veröffentlicht hat, da er nicht zu Unrecht vermutete, dass es nur durch die ausländischen Reaktionen darauf auch in Griechenland Aufmerksamkeit finden werde. Für Michas steht fest: „Griechen kämpften in Srebrenica mit dem Wissen der griechischen Behörden. Es gab in Griechenland jeden Tag Berichte über diese Leute, die in Bosnien gegen eine Regierung kämpften, die damals von der Staatengemeinschaft als die einzige legitime Regierung des Landes anerkannt war. Aber niemand hat versucht, dem nachzugehen“.

          Die Griechen unter Mladics Befehl charakterisiert er als „Jungs vom Lande“, die von den Verzerrungen der Berichterstattung in den griechischen Medien beeinflusst worden seien. Nach Bosnien seien sie mit der vagen Vorstellung gegangen, „dass sie im Kampf gegen die Muslime irgendwie auch für die griechische Souveränität kämpften“. Über die serbischen Massaker in Bosnien sei nämlich kaum und zudem meist in Form von Meinungsartikeln berichtet worden. Takis spricht von einer „umfassenden Unterstützung“ der griechischen Medien und auch der Mehrheit der Öffentlichkeit für die Politik Milosevics in Serbien, Kroatien und Bosnien. Das führe jedoch zu einer wichtigeren Frage: „Wer hat das organisiert, wer hat es angeordnet?“

          Weltanschauliches Gemisch

          Seine Recherchen führten den Autor bis an die Regierungsspitze. Der bis 1993 regierende konservative Ministerpräsident Mitsotakis habe auf Milosevic gesetzt, weil er ihn - einer damals auch anderswo gängigen Fehleinschätzung folgend - für einen Stabilitätsfaktor hielt. Zudem nahm aber auch und gerade die griechische Linke für Milosevic Partei, denn der Umstand, dass er zeitweilig scheinbar gegen die Amerikaner kämpfte, schien ihn für einige Leute zu einem Linken zu machen. Der Antiamerikanismus, der bei den Griechen schon en vogue war, bevor er durch George Bush auch anderswo zur Erkennungsparole politischer Korrektheit wurde, ist laut Michas in Griechenland schlicht eine Variante des Nationalismus, der mit dem eingebildeten Antikapitalismus vieler Hellenen Hand in Hand gehe. „Jeder hier praktiziert Kapitalismus, aber man nennt es nicht gern so.“

          Dieses weltanschauliche Gemisch, das auch vielen Anhängern Milosevics in Serbien zu eigen war, kam dem Belgrader Machthaber in den neunziger Jahren gut zupass. Andreas Papandreou allerdings, der erzpopulistische Nachfolger von Mitsotakis im Amt des Regierungschefs, mochte Milosevic nicht, „weil er ihn für zu amerikanisch hielt. Er war aber ein großer Bewunderer von Radovan Karadzic“, stellt Michas fest. Die Bewunderung für den seit 1995 vor dem Haager UN-Tribunal als Kriegsverbrecher angeklagten bosnischen Serbenführer wusste dieser zu erwidern. „Wir haben heute nur noch zwei Freunde, die Griechen und Gott, aber das ist nicht wenig“, sagte er in für ihn typischem Pathos bei einem Besuch in Athen am 15. Juni 1993, mitten im Bosnienkrieg, als er Ehrengast eines griechisch-serbischen Freundschaftstreffens war. Damals wurde er von dem damaligen Oppositionsführer Papandreou von der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung sowie von Mitsotakis empfangen.

          Michas ist bislang nicht verklagt worden

          Auf diesem Boden gedieh jene Politik, die Michas zu seinem Buchtitel inspirierte. Der Autor weist darin nicht nur nach, dass und wie Griechenland das UN-Embargo gegen Milosevics Jugoslawien gebrochen hat. Als wichtigsten seiner „Anklagepunkte“ nennt er den Verrat von Nato-Informationen durch die Regierung Papandreou. „Papandreou ließ Mladic Luftangriffspläne der Nato in Bosnien zukommen“, so Michas. Erstaunlich daran ist aus heutiger Sicht: Das Buch, in dem Michas diese ungeheuerliche Behauptung aufstellt, erschien in englischer Sprache schon vor fast vier Jahren (Texas A & M University Press, Mai 2002) - doch bisher ist Michas weder verklagt worden, noch hat sich ein Staatsanwalt bei ihm gemeldet, um der Sache nachzugehen. Die Frage, ob er denn außer den Recherchen für das Buch überzeugende Beweise für seine Behauptungen vorlegen könne, beantwortet Michas zuversichtlich. So verfüge er unter anderem über die Tonaufzeichnung eines Interviews „mit der Person, die zu jener Zeit Papandreou zum Thema Bosnien beraten hat“.

          Er könne auch die Hauptperson nennen, die die Nato-Informationen weitergeleitet habe, außerdem auch das Prozedere, nach dem der Verrat abgelaufen sei, so Michas im Gespräch. Bei einer anderen Gelegenheit hat Michas zur Bestätigung seiner Recherchen bereits einen der Autoren des niederländischen Berichts zitiert, nämlich Cees Wiebes von der Universität Amsterdam. Nach dessen Aussage haben die Nato-Stellen schließlich nur noch widerwillig nachrichtendienstliche Erkenntnisse mit Griechen und Türken geteilt, weil sie fürchteten, diese Informationen würden entweder zu den (muslimischen) Bosniaken oder zu den bosnischen Serben gelangen. „Schließlich hörte die Nato einfach damit auf, Geheimdienstinformationen mit den Griechen zu teilen“, so Wiebes laut Michas.

          „Ich bin kein Polizist“

          Von militärischer Bedeutung war das Engagement der griechischen Kämpfer in Bosnien freilich nie - und ein Alleinstellungsmerkmal der Griechen war es auch nicht. An allen Fronten der jugoslawischen Kriege kämpften auch Ausländer. In den Reihen der albanischen „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK) etwa standen auch gebürtige Deutsche, von denen einige sich bis heute im Kosovo aufhalten. In Bosnien waren die kämpfenden Ausländer entweder Söldner oder Idealisten - vor allem Russen, Ukrainer und Griechen auf Seiten der Serben sowie Araber und andere Muslime bei den Bosniaken. Hinzu kamen die üblichen gescheiterten Existenzen aller Herren Länder, die jeder Krieg anzieht. Im niederländischen Srebrenica-Bericht heißt es zur Beteiligung der Griechen: „Eine griechische Freiwilligengarde, eine in Vlasenica stationierte Einheit, wurde im März 1995 gebildet und voll in das Drina-Korps (der bosnischen Serbenarmee) integriert. Nur etwa 100 Männer kämpften in dieser Einheit, und im September 1995 zeichnete (der bosnische Serbenführer) Karadzic vier Angehörige der Einheit mit dem Orden des ,Weißen Adlers' aus“.

          Wo diese für ihre Teilnahme an einem Großverbrechen heute ausgezeichneten Männer sind und was sie treiben, interessiere die Behörden in Griechenland heute ganz offensichtlich nicht, kritisiert Takis Michas. Wie Andreas Andrianopoulos wurde auch er von der Staatsanwaltschaft in Sachen Srebrenica vorgeladen. Man habe ihn dort gebeten, Namen und die Adressen der griechischen Kämpfer zu nennen. „Ich habe geantwortet, dass ich einige der Namen habe, aber nicht die Adressen und dass es zudem auch nicht meine Aufgabe sei, sie ausfindig zu machen. Ich bin kein Polizist.“ Dabei sei es dann geblieben. „Nichts ist passiert. Nach mehr als einem Jahr sind keinerlei Anklagen erhoben worden.“

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