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Massaker von Srebrenica : Unerwünschtes Stochern in alten Geschichten

Auf diesem Boden gedieh jene Politik, die Michas zu seinem Buchtitel inspirierte. Der Autor weist darin nicht nur nach, dass und wie Griechenland das UN-Embargo gegen Milosevics Jugoslawien gebrochen hat. Als wichtigsten seiner „Anklagepunkte“ nennt er den Verrat von Nato-Informationen durch die Regierung Papandreou. „Papandreou ließ Mladic Luftangriffspläne der Nato in Bosnien zukommen“, so Michas. Erstaunlich daran ist aus heutiger Sicht: Das Buch, in dem Michas diese ungeheuerliche Behauptung aufstellt, erschien in englischer Sprache schon vor fast vier Jahren (Texas A & M University Press, Mai 2002) - doch bisher ist Michas weder verklagt worden, noch hat sich ein Staatsanwalt bei ihm gemeldet, um der Sache nachzugehen. Die Frage, ob er denn außer den Recherchen für das Buch überzeugende Beweise für seine Behauptungen vorlegen könne, beantwortet Michas zuversichtlich. So verfüge er unter anderem über die Tonaufzeichnung eines Interviews „mit der Person, die zu jener Zeit Papandreou zum Thema Bosnien beraten hat“.

Er könne auch die Hauptperson nennen, die die Nato-Informationen weitergeleitet habe, außerdem auch das Prozedere, nach dem der Verrat abgelaufen sei, so Michas im Gespräch. Bei einer anderen Gelegenheit hat Michas zur Bestätigung seiner Recherchen bereits einen der Autoren des niederländischen Berichts zitiert, nämlich Cees Wiebes von der Universität Amsterdam. Nach dessen Aussage haben die Nato-Stellen schließlich nur noch widerwillig nachrichtendienstliche Erkenntnisse mit Griechen und Türken geteilt, weil sie fürchteten, diese Informationen würden entweder zu den (muslimischen) Bosniaken oder zu den bosnischen Serben gelangen. „Schließlich hörte die Nato einfach damit auf, Geheimdienstinformationen mit den Griechen zu teilen“, so Wiebes laut Michas.

„Ich bin kein Polizist“

Von militärischer Bedeutung war das Engagement der griechischen Kämpfer in Bosnien freilich nie - und ein Alleinstellungsmerkmal der Griechen war es auch nicht. An allen Fronten der jugoslawischen Kriege kämpften auch Ausländer. In den Reihen der albanischen „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK) etwa standen auch gebürtige Deutsche, von denen einige sich bis heute im Kosovo aufhalten. In Bosnien waren die kämpfenden Ausländer entweder Söldner oder Idealisten - vor allem Russen, Ukrainer und Griechen auf Seiten der Serben sowie Araber und andere Muslime bei den Bosniaken. Hinzu kamen die üblichen gescheiterten Existenzen aller Herren Länder, die jeder Krieg anzieht. Im niederländischen Srebrenica-Bericht heißt es zur Beteiligung der Griechen: „Eine griechische Freiwilligengarde, eine in Vlasenica stationierte Einheit, wurde im März 1995 gebildet und voll in das Drina-Korps (der bosnischen Serbenarmee) integriert. Nur etwa 100 Männer kämpften in dieser Einheit, und im September 1995 zeichnete (der bosnische Serbenführer) Karadzic vier Angehörige der Einheit mit dem Orden des ,Weißen Adlers' aus“.

Wo diese für ihre Teilnahme an einem Großverbrechen heute ausgezeichneten Männer sind und was sie treiben, interessiere die Behörden in Griechenland heute ganz offensichtlich nicht, kritisiert Takis Michas. Wie Andreas Andrianopoulos wurde auch er von der Staatsanwaltschaft in Sachen Srebrenica vorgeladen. Man habe ihn dort gebeten, Namen und die Adressen der griechischen Kämpfer zu nennen. „Ich habe geantwortet, dass ich einige der Namen habe, aber nicht die Adressen und dass es zudem auch nicht meine Aufgabe sei, sie ausfindig zu machen. Ich bin kein Polizist.“ Dabei sei es dann geblieben. „Nichts ist passiert. Nach mehr als einem Jahr sind keinerlei Anklagen erhoben worden.“

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