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Massaker an Armeniern : Kein türkisches Zeichen der Versöhnung

Der türkische Außenminister Gül weist Vorwürfe zurück Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Im April 1915 begannen die Deportationen der Armenier. 90 Jahre danach erhöht die Internationale Staatengemeinschaft ihren Druck auf Ankara, das Geschehene als Genozid anzuerkennen. Doch die Türken sträuben sich.

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          Je näher der 24. April rückt, desto nervöser wird die Türkei. Am 24. April 1915 hatten die Deportationen von Armeniern aus Istanbul begonnen. Auf die Türkei nimmt der Druck der Staatengemeinschaft zu, die folgenden Massaker an den Armeniern als Genozid anzuerkennen. Anstatt auf ihn mit Zeichen der Versöhnung zu reagieren, etwa mit der Öffnung der Grenze zur Republik Armenien, verfielen die Politiker in Ankara in einen hektischen Aktionismus.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Erster Höhepunkt war eine Parlamentsdebatte, in der Außenminister Gül eine Regierungserklärung zu den Vorkommnissen von 1915 abgab. Sie war die erste Debatte des türkischen Parlaments, die jenem dunklen Kapitel gewidmet war. „Endlich haben wir zu sprechen begonnen“, schieb Murat Yetkin, der Kolumnist der liberalen Zeitung „Radikal“.

          „Geschichte nicht neu schreiben“

          Die Debatte wiederholte die bekannten Positionen der offiziellen Linie: Es sei nur ein Aufstand niedergeschlagen worden, und die Deportationen seien geordnet verlaufen. Die Abgeordneten verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung, in der sie eine gemeinsame Kommission mit Historikern aus der Türkei und Armenien forderten. Sie sollen die Geschehnisse des Jahres 1915 untersuchen. Umgehend wies der armenische Außenminister Oskanyan den Vorschlag zurück. Die Türkei wolle ihre Geschichte nicht neu schreiben, und nun wolle sie auch noch erreichen, daß andere ihre Länder ihrer Auffassung folgten, schimpfte er in Eriwan. Armenien argumentiert, die historischen Fakten seien eindeutig. Mit der Kommission wolle die Türkei nur Zeit gewinnen.

          Während der Debatte unterzeichneten Ministerpräsident Erdogan und Oppositionsführer Baykal einen Brief an die beiden Kammern des britischen Parlaments. Danach setzten alle Abgeordneten ihre Unterschrift unter das Schreiben. In ihm fordern sie Großbritannien auf, das „Blaue Buch“, das 1916 Lord Bryce und der Historiker Toynbee, so die türkische Sicht, im Auftrag des britischen Kriegspropagandabüros über das Schicksal der Armenier in den Jahren 1915 und 1916 geschrieben hatten, nicht länger als Quelle der Geschichtsschreibung anzuerkennen.

          Das „Blaue Buch“ im Visier

          Hinter dem Brief steckt der CHP-Abgeordnete Elekdag, der früher Botschafter in Washington war. Im Einklang mit der regierenden AKP hatte er in den vergangenen Monaten Initiativen ersonnen, um die Flucht nach vorn anzutreten. Er lud den wenig bekannten amerikanischen Historiker Justin McCarthy in die Türkei ein. Er sagte seinen Zuhörern, daß sie als Eintrittspreis in die EU ihre Vorfahren als Mörder zu denunzieren hätten. Nicht einem Genozid seien die Armenier zum Opfer gefallen, sondern einem Krieg, behauptet McCarthy. Als Kämpfer und Spione an der Seite Rußlands hätten sie Leid über das türkische Volk gebracht. Auch Elekdag bezeichnete in einem Beitrag für die Zeitung „Zaman“ das Jahr 1915 eine Folge von „Landesverrat und Rebellion“.

          Teil der Strategie Elekdags und seiner Mitkämpfer ist, die drei Quellen zu entwerten, die sie als Grundlage für die Behauptung des Genozids halten. Damit solle, so die Hoffnung, der gesamten Genoziddiskussion der Boden entzogen werden. Die Fälschung der Talat-Pascha-Telegramme durch den Armenier Aram Andonian ist erwiesen. Die Strategen der Türkei sind zudem der Ansicht, die Erinnerungen Henry Morgenthaus, des amerikanischen Botschafters in Istanbul während des Ersten Weltkriegs, würden nicht länger als authentische Quelle betrachtet. Daher nehmen sie nun das „Blaue Buch“ von Bryce und Toynbee ins Visier.

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