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Marshallinseln : Aufbäumen gegen den Untergang

  • -Aktualisiert am

Überflutung auf Ejit Island (Majuro-Atoll) im März 2014 Bild: AFP

Am Montag beginnt in Bonn die Weltklimakonferenz. Für die Marshallinseln geht es ums Überleben: Kaum ein Haus liegt dort höher als zwei Meter über dem Meeresspiegel.

          „Ich bin sehr dankbar, dass mir die Regierung eine Mauer gebaut hat, sagt Skinner Elbon und macht ein zufriedenes Gesicht. Die ältere Dame lebt an der Südwestspitze des Majuro-Atolls der Marshallinseln. Vor einigen Monaten wurde ihr Häuschen während eines Sturms überschwemmt und schwer beschädigt. Dank der neuen Betonbarrikade kann sie nun erst einmal wieder einigermaßen entspannt aufs Meer schauen.

          Schlechter sieht es bei ihren Nachbarn aus. „Schau dir das an“, ruft ein Mann, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, und zeigt auf große Risse, die sich vor seiner Hütte an der Abbruchkante zum Ozean gebildet haben. „Bis hierhin“ habe das Wasser das letzte Mal in seinem Wohnzimmer gestanden, sagt er und deutet auf seinen Gürtel. Weil er aber keine persönlichen Kontakte in der Verwaltung habe, sei ihm keine Flutmauer vor die Terrassentür gebaut worden. Vetternwirtschaft und Korruption sind große Probleme auf den Marshallinseln, sicherlich aber nicht die größten.

          „In fünfzig bis einhundert Jahren könnte hier fast alles um uns herum von der Wasseroberfläche verschwunden sein", sagt Riyad Mucaadam und verweist auf verschiedene Berechnungsmodelle zum erwarteten Anstieg des Meeresspiegels. Der aus Indien stammende Klimaforscher lebt seit einem Vierteljahrhundert in Majuro, bis vor einem Jahr arbeitete er als Chefberater der marshallesischen Regierung. „Andere Weltregionen sind natürlich auch betroffen, aber hier ist es besonders kritisch, weil das ganze Land so flach ist, dass die Menschen nicht einfach in höher gelegene Gebiete fliehen können.“

          In der Tat liegt kaum ein Haus der insgesamt vierundzwanzig bewohnten Atolle und Inseln höher als zwei Meter über dem Meeresspiegel. Fragt man die Einwohner nach der höchsten Erhebung des Landes, erhält man zunächst ein gequältes Lächeln und dann die Antwort, die wie die Pointe eines schlechten Witzes klingt: Der höchste Berg der Marshallinseln ist eine Müllkippe.

          „Ein frustrierendes Gefühl“

          Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen geht davon aus, dass sich die Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um mehr als drei Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung aufheizen wird. Zu wenig ambitioniert seien die Anstrengungen der internationalen Staatenwelt, ihre Treibhausemissionen zu verringern. Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei oder gar nur anderthalb Grad, wie im Pariser Klimaschutzabkommen formuliert, zu begrenzen, dürfte damit deutlich verfehlt werden. Für die Marshallinseln würde das dann wohl den Untergang bedeuten.

          Wie lebt es sich in einem Land, dessen Existenz auf derart dramatische Weise gefährdet ist? „Das macht mir alles große Angst“, sagt die 17-jährige Schülerin Dereka O'Brien, die zusammen mit einigen Klassenkameradinnen gerade einen Debattierwettbewerb zum Thema Klimawandel gewonnen hat. „Es würde mir das Herz brechen, wenn später einmal meine Kinder oder Enkelkinder unsere Heimat nicht mehr besuchen können.“

          Ob sie wütend sei, dass der Rest der Welt nicht mehr tue, um den Marshallinseln zu helfen? „Nein, aber es ist schon ein frustrierendes Gefühl, nicht wirklich selbst etwas machen zu können“. Das Inselleben, die Musik, die Kultur, die Kokosnüsse, die Freundlichkeit der Menschen – „all das würde ich unendlich vermissen“.

          Schwere Überschwemmungen immer häufiger

          Auf den ersten Blick merkt man auf dem Majuro-Atoll, wo die meisten der gut fünfzigtausend Einwohner des Landes leben, gar nicht, wie ernst die Lage ist. Auf der einzigen ausgebauten Straße fließt der Verkehr, auf den Basketballplätzen spielen lärmende Jugendliche, bunt gekleidete Menschen schleppen Einkäufe nach Hause. Erst wenn die Flut kommt, sieht man wie nah hier alles am Wasser gebaut ist. Auf der einen Seite spült die Lagune Wasser herein, auf der anderen Seite kratzt die Brandung des offenen Ozeans. „Unsere Flutmauern fallen in sich zusammen oder müssen immer höher gebaut werden“, erklärt der Bauarbeiter Jeffrey und wischt sich mit seinem T-Shirt den Schweiß von der Stirn.

          Richtig ernst wird es während der Springtiden, wenn das Hochwasser noch höher als gewöhnlich ausfällt. Kommt dann noch ein Sturm dazu, der die Wellen aufs Land drückt, entstehen die richtig schweren Überschwemmungen, die inzwischen immer häufiger auftreten.

          „Ein großes Problem ist, dass immer mehr Salzwasser in unser Grundwasser sickert“, sagt Franky Erra von der lokalen Umweltschutzorganisation MICS. Zusammen mit einem kleinem Team von Wissenschaftlern und Aktivisten hat es sich der 24-Jährige zur Aufgabe gemacht, Menschen auf den abgelegenen Atollen und Inseln über Maßnahmen zu informieren, wie sie ihren Lebensraum zumindest kurz- und mittelfristig besser schützen können.

          In den Armenvierteln wird es eng

          „Da geht es vor allem um die Erhaltung der Küstenvegetation, um eine allzu schnelle Erosion zu verhindern“, erklärt er. Die Menschen seien dankbar über jeden Tipp, trotzdem verlassen immer mehr von ihnen ihre Heimat. Manche Atolle sind bereits so gut wie entvölkert, während es in den Armenvierteln der Hauptstadt immer enger wird. Arbeitslosigkeit und Alkoholismus sind dort große Probleme.

          Wellen treffen auf ein Restaurant an der Küste von Majuro während eines Tropensturms im Juli 2015.

          „Wir dürfen nicht aufgeben und müssen optimistisch bleiben“, sagt David Paul, neuer Umweltminister der kleinen Republik. Man werde sich aufbäumen, denn „wenn wir untergehen, dann nur kämpfend“. Mehr denn je gehe es jetzt darum, bei internationalen Konferenzen „lautstark und energisch“ aufzutreten. Dass die 2015 in Paris erklärten Ziele, an deren Beschluss nicht zuletzt auch der inzwischen verstorbene marshallesische Außenminister Tony deBrum erheblichen Anteil hatte, für die unterzeichnenden Staaten nicht bindend seien, kritisiert Paul scharf. Die Tatsache, dass der pazifische Nachbar Fidschi offiziell Ausrichter der in dieser Woche beginnenden Klimakonferenz in Bonn ist, sei dagegen „ein gutes Zeichen“.

          „Wieder sind wir die Leidtragenden“

          Angesprochen auf die Politik der Vereinigten Staaten unter Präsident Trump, verdüstert sich die Miene des sonst so freundlich auftretenden Ministers. Trumps Entscheidung, aus dem Pariser Abkommen auszutreten, sei „töricht und beklagenswert“, ebenso das Bekenntnis der Regierung in Washington zur Kohleenergie. Auch in der marshallesischen Bevölkerung fühlen sich viele von den Amerikanern betrogen. In einer etwas heruntergekommenen Bar in der Nähe des Hafens beschwert sich ein Mann am Tresen lautstark über den „Idioten“ Trump und erntet zustimmendes Nicken der Mittrinker, bevor er ermahnt wird, seine Kritik doch bitte etwas höflicher zu formulieren.

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          Das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten ist kulturell sehr eng, aber historisch schwer belastet. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Marshallinseln, die erst seit 1990 formal unabhängig sind, Teil des amerikanischen Treuhandgebiets im Pazifik. Anstatt die Rolle als Schutzmacht für die dortige Bevölkerung anzunehmen, nutzte Washington die abgelegenen Inseln für Atombombentests. Viele Einwohner wurden vertrieben, die Natur verstrahlt. Noch immer ist die Gegend um das Bikini-Atoll unbewohnbar. Umweltminister Paul sieht Parallelen zum Klimawandel: „Wieder sind wir, obwohl wir in keiner Weise verantwortlich für irgendetwas sind, die Leidtragenden von Entwicklungen, die große Staaten und Supermächte zu verantworten haben.“

          Massenexodus nach Amerika

          Gleichzeitig bleiben die Vereinigten Staaten für viele Marshallesen das gelobte Land. Zehntausende sind bereits ausgewandert, nach Hawaii, vor allem aber nach Arkansas und Indiana, wo es bereits große marshalllesische Communities gibt. „Ich würde nicht sagen, dass der Klimawandel der einzige Grund für den Massenexodus ist, aber mit Sicherheit einer der Hauptgründe“, sagt Forscher Mucadam. Ein Visum oder eine Arbeitserlaubnis brauchen die marshallesischen Migranten nicht. Das Assoziierungsabkommen mit Washington, das auch die fortwährende Nutzung der amerikanischen Militärbasen auf den Atollen sichert, gewährt ihnen freie Einreise.

          Auch die Kinder der eingangs erwähnten Skinner Elbon haben ihrer Heimat den Rücken gekehrt und arbeiten inzwischen auf einem Hühnerschlachthof in den Vereinigten Staaten. „Ich vermisse sie sehr, aber ich kann verstehen, dass sie gegangen sind“, sagt die ältere Dame und blickt noch einmal in Richtung Ozean. Noch hält ihre neue Flutmauer.

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