https://www.faz.net/-gpf-6u5hs

Marseille : Spielend in die Kriminalität

Verantwortlich für die Kriminalität werden in Marseille auch Zuwanderer gemacht, die meist in Sozialbausiedlungen in den nördlichen Stadtteilen leben Bild: Hauri, Michael

Das südfranzösische Marseille hat ein Sicherheitsproblem. Es gibt zu wenige Polizisten, zu viele Banden und zu viele orientierungslose Jugendliche. Die Regierung muss handeln.

          4 Min.

          An diesem Schaufenster soll sich Bürgermeister Jean-Claude Gaudin schon als kleiner Junge die Nase platt gedrückt haben. Noch immer stapeln sich bei „Alcalay“, einem der ältesten Spielwarengeschäfte Marseilles, Tausende Modellautos in allen Farben, Größen und Marken in der Auslage. Doch den größten Umsatz macht das Traditionshaus, das ein paar Schritte vom Alten Hafen an der Rue de la République liegt, mit Spielzeugwaffen, die nach Marken geordnet im Ladeninneren feilgeboten werden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ob Schusswaffen von Sig Sauer, Kalaschnikows oder Famas-Gewehre, die Regale ähneln einem Waffenlager, auch wenn alles nur Imitate sind. „80 Euro“, sagt die Verkäuferin, koste eine Kalaschnikow, „aber Sie dürfen damit nicht auf der Straße herumlaufen!“ Auch müsse sie die Personalien eines jeden Käufers aufnehmen, „denn stellen Sie sich vor, echte Gangster benutzen die falschen Waffen“.

          Etwa die Hälfte aller Raubüberfälle in Marseille, hat die Polizei in einem 2010 verfassten Bericht festgestellt, wurde mit Waffenimitaten verübt, Tendenz steigend. „Es sind Einstiegswaffen für Ersttäter, oftmals Jugendliche“, sagt Caroline Pozmentier-Sportich, die für „Prävention und Kriminalitätsbekämpfung“ im Rathaus von Marseille zuständig ist. Sie gehört wie der Bürgermeister der Präsidentenpartei UMP an, die als Partei von Recht und Ordnung in der Hafenmetropole am Mittelmeer angetreten war. Stattdessen hat sich die Kriminalitätsstatistik drastisch verschlechtert. Im vergangenen Halbjahr ist die Zahl bewaffneter Überfälle hier um 40 Prozent gestiegen. Diebstähle mit Gewaltanwendung nahmen um 24 Prozent zu. Caroline Pozmentier-Sportich behagt es nicht, dass Marseille als Verbrechenshochburg in ganz Frankreich in den Schlagzeilen steht. „Wir brauchen endlich Fortschritte in der Kriminalitätsbekämpfung“, sagt sie.

          „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus.“

          Das muss sich auch Präsident Sarkozy gedacht haben, als er Ende August den Polizeipräfekten von Marseille strafversetzte. Dieser hatte den Zorn des Präsidenten auf sich gezogen, nachdem er die schlechte Kriminalitätsbilanz mit den Worten kommentierte: „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus.“ Er könne nicht alle Schwierigkeiten einer armen Stadt lösen, „die seit einem halben Jahrhundert an Einwanderung und einer Banditentradition leidet“, sagte Präfekt Gilles Leclair. Jetzt soll Alain Gardère als neuer Sicherheitschef - der dritte innerhalb von zwei Jahren - Marseille auf den rechten Weg bringen. 40 zusätzliche Polizeikräfte sollen ihm dabei helfen, mehr lassen die Haushaltszwänge nicht zu. Die Stadtverwaltung hat versprochen, in Videoüberwachung und kommunale Polizeistellen zu investieren. „Wir wollen hundert neue Polizisten ausbilden. Außerdem sollen an allen neuralgischen Stellen Videokameras aufgestellt werden. Wir wollen bis 2013 tausend Kameras installieren“, sagt die Sicherheitsbeauftragte des Bürgermeisters.

          Alain Tourre, der frühere Chef der Kriminalpolizei von Marseille, ist skeptisch, ob mit der Videoüberwachung Erfolge erzielt werden. „In Marseille geht es zu wie in dem amerikanischen Film ,Fast and Furious‘“, sagt er. „Das Ziel ist, sich so viel Geld wie möglich innerhalb kürzester Zeit anzueignen, egal mit welchen Mitteln“, sagt Tourre. Die größte Herausforderung sei der Rauschgifthandel. Marseille als Hafenstadt sei ein großer Umschlagplatz mit entsprechender Bandenkriminalität. Für Drogenhändler Schmiere zu stehen sei für die Jugend in den Sozialbausiedlungen oftmals der Einstieg in eine kriminelle Laufbahn.

          Selbst das organisierte Verbrechen sei in Marseille nicht mehr so gut organisiert wie früher, sagt der Polizeigewerkschafter Jean-Marie Allemand. Früher bekamen die Bewohner von Marseille so gut wie nichts mit von den Bandenkriegen. „Heute wird mit großem Kaliber in alle Richtungen geschossen“, sagt Allemand. „In Marseille gibt es mehr Kalaschnikows als in Kabul“, so der Polizeigewerkschafter.

          Immer mit Angst im Bauch zur Arbeit gehen

          „Ich frage mich jeden Morgen bange, ob ich nicht überfallen werde“, sagt Evelyne Ballestra, die der Vereinigung der Handeltreibenden von Marseille vorsteht und in einem Schmuckgeschäft arbeitet. Die Einzelhändler seien es leid, immer mit Angst im Bauch zur Arbeit zu gehen. „Wir brauchen mehr Polizeipatrouillen. Die Verbrecher haben das Gefühl, ungestört zu Werk gehen zu können“, sagt Frau Ballestra. Marseille verwahrlose - das zeige schon der Vorfall vom Parkplatz an der Porte d’Aix. Unweit des schmuck renovierten Bahnhofs Saint-Charles, den Hochgeschwindigkeitszüge aus der Hauptstadt Paris in gut drei Stunden erreichen, hatten Jugendliche einen Parkplatz in Beschlag genommen. Sie erpressten tagelang Wegezoll von Autofahrern, die ihr Fahrzeug vor den bedrohlich auftretenden Heranwachsenden retten wollten. Polizisten in Uniform überwachen inzwischen in regelmäßigen Abständen den Parkplatz, der von einem privaten Unternehmen betrieben wird. Der Innenminister höchstpersönlich hat vor kurzem die parkenden Autos inspiziert, um zu zeigen, dass sich die Regierung um die Missstände kümmert.

          Herr M. betreibt einen Tabakladen nicht weit von der wohl berühmtesten Meile von Marseille, der Canebière. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Aber dass er schon zweimal überfallen wurde, darüber will er gern sprechen. „Ob links oder rechts, niemand hat es geschafft, hier für Ordnung zu sorgen. Alles nur leere Versprechen“, sagt M. Für ihn gebe es nur noch den Front National, der durchgreifen könne. Die Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Partei, Marine Le Pen, warb erst kürzlich in Marseille um Wählerstimmen. Sie will die Zahl der Polizisten kräftig erhöhen.

          Eine Phase der Deindustrialisierung

          Die Zwei-Millionen-Metropole Marseille hat seit dem Amtsantritt Sarkozys 40000 Einwohner hinzugewonnen, während 350 Polizeistellen eingespart wurden. „Es ist keine Frage der Zahl der Polizisten, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Entwicklung“, sagt Michel Pezet, der für die Sozialistische Partei im Départementsrat sitzt. Marseille sei dabei, eine Phase der Deindustrialisierung zu erleben, die letzten Fabriken müssten schließen, die soziale Misere wachse. „Die Jugend in meinem Wahlkreis leidet unter der Perspektivlosigkeit. Die Arbeitslosenrate liegt da teils bei über 50 Prozent“, sagt Pezet. Die orientierungslosen Jugendlichen glitten leicht in die Kriminalität ab.

          Der Staatsanwalt von Marseille, Jacques Dallest, hat eine neue Plage ausgemacht. Angesichts der Verarmung - fast jeder dritte Einwohner lebt unter der Armutsgrenze - und steigender Goldpreise sei in Marseille eine neue Form von Taschendieben aufgetaucht. Mit festem Griff würden Frauen die goldenen Halsketten abgerissen, so Dallest. Es habe sich ein Altgoldhandel entwickelt, der „eine Einladung zum Diebstahl darstellt“, beklagt der Staatsanwalt. Gegen die Altgoldhändler will Dallest jetzt entschlossen vorgehen. In einem Musterprozess ist ein Marseiller Ladenbesitzer wegen Hehlerei angeklagt, der massenweise zerrissene Goldhalsketten aufkaufte. Auf den Ruf Marseilles als Vorreiter neuer Kriminalitätsformen würde man im Rathaus gern verzichten. Denn 2013 will die Hafenstadt als „europäische Kulturmetropole“ glänzen.

          Weitere Themen

          „Hohe psychische Belastung für Erzieher“ Video-Seite öffnen

          Kitas fordern Impfpriorität : „Hohe psychische Belastung für Erzieher“

          Ein Berliner Kita-Leiter erklärt, die psychische Belastung für Erzieher und Erzieherinnen nehme zu, da der zwischenmenschliche Kontakt für Kinder wichtig sei, aber in der Pandemie mit vielen Risiken verbunden ist. Daher hofft er auf bevorzugte Impfungen in diesem Bereich.

          Topmeldungen

          Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

          Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.