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Marseille : Spielend in die Kriminalität

Selbst das organisierte Verbrechen sei in Marseille nicht mehr so gut organisiert wie früher, sagt der Polizeigewerkschafter Jean-Marie Allemand. Früher bekamen die Bewohner von Marseille so gut wie nichts mit von den Bandenkriegen. „Heute wird mit großem Kaliber in alle Richtungen geschossen“, sagt Allemand. „In Marseille gibt es mehr Kalaschnikows als in Kabul“, so der Polizeigewerkschafter.

Immer mit Angst im Bauch zur Arbeit gehen

„Ich frage mich jeden Morgen bange, ob ich nicht überfallen werde“, sagt Evelyne Ballestra, die der Vereinigung der Handeltreibenden von Marseille vorsteht und in einem Schmuckgeschäft arbeitet. Die Einzelhändler seien es leid, immer mit Angst im Bauch zur Arbeit zu gehen. „Wir brauchen mehr Polizeipatrouillen. Die Verbrecher haben das Gefühl, ungestört zu Werk gehen zu können“, sagt Frau Ballestra. Marseille verwahrlose - das zeige schon der Vorfall vom Parkplatz an der Porte d’Aix. Unweit des schmuck renovierten Bahnhofs Saint-Charles, den Hochgeschwindigkeitszüge aus der Hauptstadt Paris in gut drei Stunden erreichen, hatten Jugendliche einen Parkplatz in Beschlag genommen. Sie erpressten tagelang Wegezoll von Autofahrern, die ihr Fahrzeug vor den bedrohlich auftretenden Heranwachsenden retten wollten. Polizisten in Uniform überwachen inzwischen in regelmäßigen Abständen den Parkplatz, der von einem privaten Unternehmen betrieben wird. Der Innenminister höchstpersönlich hat vor kurzem die parkenden Autos inspiziert, um zu zeigen, dass sich die Regierung um die Missstände kümmert.

Herr M. betreibt einen Tabakladen nicht weit von der wohl berühmtesten Meile von Marseille, der Canebière. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Aber dass er schon zweimal überfallen wurde, darüber will er gern sprechen. „Ob links oder rechts, niemand hat es geschafft, hier für Ordnung zu sorgen. Alles nur leere Versprechen“, sagt M. Für ihn gebe es nur noch den Front National, der durchgreifen könne. Die Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Partei, Marine Le Pen, warb erst kürzlich in Marseille um Wählerstimmen. Sie will die Zahl der Polizisten kräftig erhöhen.

Eine Phase der Deindustrialisierung

Die Zwei-Millionen-Metropole Marseille hat seit dem Amtsantritt Sarkozys 40000 Einwohner hinzugewonnen, während 350 Polizeistellen eingespart wurden. „Es ist keine Frage der Zahl der Polizisten, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Entwicklung“, sagt Michel Pezet, der für die Sozialistische Partei im Départementsrat sitzt. Marseille sei dabei, eine Phase der Deindustrialisierung zu erleben, die letzten Fabriken müssten schließen, die soziale Misere wachse. „Die Jugend in meinem Wahlkreis leidet unter der Perspektivlosigkeit. Die Arbeitslosenrate liegt da teils bei über 50 Prozent“, sagt Pezet. Die orientierungslosen Jugendlichen glitten leicht in die Kriminalität ab.

Der Staatsanwalt von Marseille, Jacques Dallest, hat eine neue Plage ausgemacht. Angesichts der Verarmung - fast jeder dritte Einwohner lebt unter der Armutsgrenze - und steigender Goldpreise sei in Marseille eine neue Form von Taschendieben aufgetaucht. Mit festem Griff würden Frauen die goldenen Halsketten abgerissen, so Dallest. Es habe sich ein Altgoldhandel entwickelt, der „eine Einladung zum Diebstahl darstellt“, beklagt der Staatsanwalt. Gegen die Altgoldhändler will Dallest jetzt entschlossen vorgehen. In einem Musterprozess ist ein Marseiller Ladenbesitzer wegen Hehlerei angeklagt, der massenweise zerrissene Goldhalsketten aufkaufte. Auf den Ruf Marseilles als Vorreiter neuer Kriminalitätsformen würde man im Rathaus gern verzichten. Denn 2013 will die Hafenstadt als „europäische Kulturmetropole“ glänzen.

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