https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/mariupol-wladimir-putins-eingestaendnis-des-scheiterns-17973748.html

Mariupol : Putins Eingeständnis des Scheiterns

  • -Aktualisiert am

Das Stahlwerk Asowstal in Mariupol am 20. April Bild: Reuters

Putin kann in Mariupol nur einen Teilsieg verkünden, was zeigt, dass selbst er auf seine Kosten achtet. Für die Ukraine beginnt trotzdem eine gefährliche Phase.

          1 Min.

          Putin sagt, die Eroberung des Stahlwerks in Mariupol sei „unzweckmäßig“. In Wahrheit ist sie für die russischen Kräfte unerreichbar, aber das kann die Kremlpropaganda nicht zugeben. Putins Befehl, von der großen Industrieanlage abzulassen, ist wieder ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Trotz brutaler Kriegführung und materieller Überlegenheit ist es der russischen Seite nicht gelungen, die ukrainischen Verteidiger von Asowstal zu schlagen. Deshalb gibt sich Putin mit einem Teilsieg zufrieden: Er erklärt die Stadt ansonsten für erobert und will die verbliebenen Kämpfer offenbar durch Einschluss neutralisieren.

          Die Landbrücke zur Krim

          Es ist nicht gewiss, ob das reicht, um die strategisch wichtige Hafenstadt dauerhaft unter russische Kontrolle zu bringen. Aber der Vorgang zeigt zweierlei: Putin achtet stärker auf seine Kosten, als es die aggressive Rhetorik des Kremls oft nahelegt. Und er nutzt weiter den Vorteil, dass er das heimische Narrativ kontrolliert. Es gibt keine freie Presse mehr in Russland, deshalb kann er fast jede militärische Lage in seinem Sinne deuten.

          Im Augenblick geht es ihm offenbar darum, auch unter ungünstigen Bedingungen die Landbrücke zur Krim zu schaffen, wozu die Beherrschung Mariupols eine wichtige Voraussetzung wäre. Parallel zum Vorstoß im Donbass wäre ein „Referendum“ zur Gründung einer „Volksrepublik“ in Cherson ein weiterer Schritt, um russische Geländegewinne zu konsolidieren.

          Für die Ukraine ist das eine gefährliche Entwicklung, denn es ist nicht zu erwarten, dass Putin eroberte Gebiete je wieder herausgibt. In Washington reagiert man darauf tatkräftiger als in Berlin, wie das neue Paket mit Militärhilfe für Kiew zeigt.

          Es ist richtig, dass die Bundesregierung auf die Bedürfnisse der Bundeswehr achtet und auf die schnelle Einsetzbarkeit von geliefertem Gerät. Ein Ringtausch schwerer Waffen mit osteuropäischen Verbündeten, wie ihn Lambrecht ankündigte, wäre ein sinnvoller Kompromiss. Das sollte nun aber rasch geschehen, Deutschland hat zu lange gezögert.

          Nikolas Busse
          Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona in China : Xi könnte zum Verlierer der Pandemie werden

          Unter dem Druck der Straße hat Xi Jinping einen Kurswechsel in der Corona-Politik eingeleitet. Es droht eine chaotische Öffnung mit vielen Toten. Noch dazu hat er viele Bürger gegen sich aufgebracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.