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Marcial Maciel Degollado : Der falsche Prophet

Mit Johannes Paul II. verband Maciel eine lange Beziehung: Er war oft an Bord der Papst-Maschine durch die Welt gereist - das Bild zeigt ihn 2004 bei einer Audienz
          10 Min.

          Papst Johannes Paul II. war keine vier Monate im Amt, als er Ende Januar 1979 zu seiner ersten Auslandsreise aufbrach. In Mexiko wollte er dabei sein, wenn die lateinamerikanischen Bischöfe darüber berieten, was sie von der Befreiungstheologie und der Option für die Armen halten sollten. Doch vor die Theologie hatten die Mexikaner die Politik gesetzt. Obwohl sich mehr als neunzig Prozent der Mexikaner als Katholiken bezeichneten, gab es zwischen Mexiko und dem Heiligen Stuhl keine diplomatischen Beziehungen, geschweige denn einen Vertrag über die Rechtsstellung der Kirche. Priestern und Ordensleuten war untersagt, sich in der Öffentlichkeit als solche zu erkennen zu geben oder gar politisch zu betätigen. Dennoch ließ eine offizielle Einladung an den Papst nicht lange auf sich warten. Ungeachtet des heftigen Widerstands seiner seit mehr als sechzig Jahren herrschenden „Partei der institutionalisierten Revolution“ lud Präsident José López Portillo den Papst nach Mexiko ein. Hinter dem Präsidenten dagegen standen seine Mutter und seine Schwestern. Und hinter diesen der Gründer der „Legionäre Christi“, der mexikanische Priester Marcial Maciel Degollado.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          So groß der Einfluss der Damen auf den Präsidenten, so groß war die Faszination, die den damals 57 Jahre alten Geistlichen umgab. Maciel hatte nicht nur ungehinderten Zugang zum Umfeld des Staatsoberhaupts. Schon als junger Mann hatte er sich das Vertrauen vieler wohlhabender Familien erworben, die in der Hauptstadt und der prosperierenden Industriemetropole Monterrey im Norden des Landes das Sagen hatten. Maciel war in ländlichen Verhältnissen im tiefkatholischen Bundesstaat Michoacán aufgewachsen, gleich vier Bischöfe zählten zu seiner Verwandtschaft, dazu der ranghöchste General jener bäuerlich-katholischen Aufständischen, die in den zwanziger Jahren als „cristeros“ für die Rechte der Katholiken gegen den militant-laizistischen Staat gekämpft hatten. Das machte Eindruck, vor allem auf Frauen.

          Die Abrichtung von Lustknaben

          Zumal sich auch der junge Maciel schon im Kampf bewährt hatte, wenn auch in einem geistlichen. Als Sechzehnjähriger wollte er in einem im Untergrund operierenden Priesterseminar in Mexiko gespürt haben, dass Gott ihn zu etwas Besonderem berufen habe. Wie einst Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, wollte er sich der Erziehung der Jugend widmen und Priester heranbilden, die gegen Gottlosigkeit und Kommunismus kämpfen würden. 1941 hatte Maciel ein gutes Dutzend Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren zusammen, um sie auf den Priesterberuf vorzubereiten - und, wie Jahrzehnte später bekannt wurde, um nebenher einige von ihnen als Lustknaben abzurichten.

          Niemand legte dem stets in streng-schwarzer Priesterkleidung auftretenden Mann Steine in den Weg. Ein Onkel weihte ihn 1944 zum Priester. Schon vier Jahre später erwirkte der theologisch und geistlich bestenfalls halbgebildete Maciel nach einer Audienz bei Papst Pius XII. ein Dekret, das ihn und eine Handvoll Gleichgesinnter als „Missionare des Herzens Jesu und der schmerzensreichen Jungfrau Maria“ anerkannte. Die Dollar, die Maciel aus Mexiko in das vom Krieg gezeichnete Rom mitgebracht hatte, waren zudem bei einigen Kurienkardinälen gut angelegt, und das Ganze war im Einklang mit dem Kirchenrecht.

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