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Marcial Maciel Degollado : Der falsche Prophet

Ein Zeichen der Dankbarkeit

Die zweite Reise Johannes Pauls II. nach Mexiko im Jahr 1990 wurde für Maciel zu einem Triumphzug. An Bord des Papst-Flugzeuges reiste er von Rom nach Mexiko, um ihm dort kaum von der Seite zu weichen. Dasselbe Schauspiel während der dritten Mexiko-Reise des Papstes drei Jahre später. In der Zwischenzeit hatte Johannes Paul II. höchstselbst 60 Legionären die Priesterweihe gespendet. Dutzende Kardinäle und Bischöfe, Tausende Mitglieder des „Regnum“ sowie viele Mäzene Maciels wohnten der Feier im Petersdom bei. Sie war in jeder Hinsicht ein Zeichen der Dankbarkeit. In den Augen des Papstes hatten sich die Legionäre um die Kirche verdient und manch finstere Kräfte in ihr vergessen gemacht, allen voran die Jesuiten. Johannes Paul hatte sie 1981 unter Kuratel gestellt. Doch auch die Freiheit Europas und das Ende des Kalten Krieges waren das Werk der Legionäre, jedenfalls zu einem kleinen Teil. Seit seiner ersten Begegnung mit Johannes Paul II. hatte Maciel dafür gesorgt, dass es dem Papst und dessen Sekretär Stanislaw Dziwisz, dem heutigen Kardinal-Erzbischof von Krakau, nicht an Geld fehlte, um die Gewerkschaft Solidarność und die Kirche in Polen in ihrem Kampf gegen den Kommunismus zu unterstützen.

Junge Legionäre Christi in Rom: „Viele sind von einer falschen Gewalt letztlich doch zum Richtigen gerufen worden“, sagt Benedikt XVI
Junge Legionäre Christi in Rom: „Viele sind von einer falschen Gewalt letztlich doch zum Richtigen gerufen worden“, sagt Benedikt XVI : Bild: Dario Pignatelli/Polaris/laif

Im Jahr seines goldenen Priesterjubiläums - 1994 - befand sich Maciel im Zenit seines Ansehens. Seine Kongregation war in 23 Ländern der Welt vertreten, auch in Deutschland. Sie besaß Schulen, Seminare, Universitäten, Radiostationen und eine eigene Nachrichtenagentur namens Zenit. Und im Vatikan hatten sich die Legionäre mit Geld und dienstbereitem Personal unentbehrlich gemacht. In den wichtigsten Zeitungen Mexikos erschien eine Anzeige. Man sah den Gründer der Legionäre, wie er den Ring des Papstes küsste. Und man las, wie dieser Maciel mit den Worten pries: „Ein wirkungsvoller Führer der Jugend.“

Was Johannes Paul II. wohl nicht wusste, vielleicht nicht wissen durfte, womöglich nicht wissen wollte: Sein Führer der Jugend war in Wirklichkeit ein Verführer - und nicht nur der Jugend. Seit den vierziger Jahren hatte sich Maciel wöchentlich, wenn nicht täglich, an Kindern, Heranwachsenden oder seinen Legionären vergangen. In den siebziger Jahren verlegte er sich auf Frauen und wurde wirklich Vater. Zwei Jahre vor der ersten Begegnung mit Papst Johannes Paul ging er im Alter von 56 Jahren unter Vorspiegelung einer falschen Identität mit einer neunzehn Jahre alten Mexikanerin eine Liaison ein. Er adoptierte deren Erstgeborenen und zeugte mit ihr zwei Söhne. Zehn Jahre später gründete Maciel mit einer zweiten Frau eine zweite Familie. Aus ihr ging eine Tochter hervor. Nur eines seiner vier Kinder missbrauchte er nach Angaben seiner Frauen nicht.

Gefälschte Rezepte

Die andere Konstante in Maciels Leben war Medikamentenmissbrauch. „Nuestro Padre“ war seit den vierziger Jahren morphinabhängig - und das so sehr, dass Vertraute Hunderte Kilometer zurücklegten, um mit gefälschten Rezepten Dolantin und andere Medikamente zu beschaffen. Wenn ihm nicht Schwestern den Gefallen taten und ihm eine Spritze setzten oder Tabletten gaben.

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