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Mapuche in Chile : Zerstörung mit Feuer und Wasser

  • -Aktualisiert am

Bedrohtes Idyll: In der Nähe der Stadt Temuco Bild: AFP

In der chilenischen Araucanía, einer Landschaft mit einem einzigartigen Ökosystem, verhindern ungenaue Gesetze und der Kompetenzwirrwarr der Behörden einen effektiven Umweltschutz.

          7 Min.

          Wie an einer unsichtbaren Kette aufgereiht, ragen die schneebedeckten Gipfel der Vulkane aus dem noch im Dunkeln liegenden Gebirgsmassiv der Anden. Im zarten Vormittagslicht bietet sich aus dem Flugzeug, das schon den Anflug auf die südchilenische Stadt Temuco begonnen hat, ein spektakulärer Anblick auf den Vulkangürtel der Anden und die Landschaft davor aus Araukarienwäldern, Seen und fruchtbarem Weide- und Ackerland, das sich bis zum Meer hinunter erstreckt. Die Vulkane Tolhuaca, Lonquimay und Llaima schlafen, der weiter südlich liegende, vor einem Jahr ausgebrochene Puyehue ist auch wieder zur Ruhe gekommen.

          Nach der Ankunft in Temuco sticht scharfer Rauchgeruch in die Nase. Gegen Abend verstärkt er sich, wird zu einem beißenden Nebel. „Hier wird mit Holz geheizt, schlimmer noch, mit nassem Holz“, erklären die Bewohner das für sie ganz normale Phänomen im Winter auf der Südhalbkugel. Die ersten Schneefälle haben schon eingesetzt, abends wird es empfindlich kalt. „Wir haben in Chile eine strenge Norm für Partikelemission“, sagt Andrea Flies Lara, die Regionalsekretärin des Umweltministeriums, in ihrem eher ausgekühlt wirkenden Büro. „Wir messen die Luftqualität“, beteuert die „Seremi“, gibt dann aber unumwunden zu, dass das staatliche Programm zur Bekämpfung der Luftverschmutzung zu „lax“ sei.

          Erst 2010 wurde das Umweltministerium geschaffen

          Das Heizen mit feuchtem Holz ist beileibe nicht die einzige Umweltsünde, die in der Araucanía begangen wird und den Lebensraum der so jungfräulich wirkenden Landschaft bedroht. Die großen holzverarbeitenden Unternehmen sind sowieso schon mehrfach durch die Wälder gezogen und haben alles an wertvollen Hölzern herausgeholt, was ihnen in die Säge kam. Bis auf die Araukarien. Die stehen schon seit langem unter strengem Naturschutz, sie wild zu fällen wird mit strengen Strafen belegt. Ein regierungsamtliches Umweltbewusstsein gibt es in Chile erst seit 2010; damals wurde in dem mit einzigartigen Naturlandschaften gesegneten Land überhaupt erst ein Umweltministerium geschaffen. Zuvor lag die Zuständigkeit für Umweltfragen irgendwo in einem Regierungssekretariat, bei einer Kommission für Umwelt, die keinerlei politisches Gewicht hatte.

          Jetzt werde der Natur- und Umweltschutz professioneller betrieben, sagt Andrea Flies Lara. Nun sollten endlich Studien über das Ökosystem und die Umwelteinflüsse Aufschluss über den tatsächlichen Grad der Umweltschäden geben, sollten Umweltsünder stärker zur Rechenschaft gezogen werden. Doch aus der Wortflut, mit der die „Seremi“ die Absichten ihres Ministeriums erläutert, geht auch hervor, dass ein wunderlicher Kompetenzwirrwarr jeder noch so gut gemeinten Strategie im Wege steht. „Wir warten auf die Einrichtung einer eigenen Behörde für die Schutzgebiete“, sagt sie. Im staatlichen Apparat Chiles ist alles, was zum Thema Biodiversität gehört, in eine Vielzahl von Ressorts aufgeteilt, die verschiedenen Ministerien unterstehen und oft nebeneinander, hier und da wohl auch gegeneinander arbeiten.

          Angehörige der Mapuche protestieren Anfang Juni vor dem Präsidentenpalast in Santiago de Chile
          Angehörige der Mapuche protestieren Anfang Juni vor dem Präsidentenpalast in Santiago de Chile : Bild: © David von Blohn/Demotix/Corbis

          Die Araucanía ist die Heimat des größten Teils der Volksgemeinschaft der Mapuches; sie ist das Kerngebiet der Ethnie, die seit Urzeiten in der Region siedelt. Die Mapuches waren Nomaden und Herren des gesamten Gebietes, von den spanischen Eroberern sind sie nie unterworfen worden. Der Einfluss der europäischen Kolonialmacht reichte nur bis zum Bío-Bío-Fluss. Das Gebiet südlich davon, einschließlich der Araucanía, war stets Mapuche-Land. Ende des 19. Jahrhunderts hat der chilenische Staat damit begonnen, den Mapuches über „Eigentumstitel“ Land zuzuteilen. Später strömten europäische Kolonisten vor allem aus Deutschland, der Schweiz und Italien in die Region. Auf legale, noch häufiger auf unrechtmäßige Weise machten Großgrundbesitzer und die holzverarbeitende Industrie den Mapuche-Gemeinschaften die Titel wieder streitig.

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