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Mapuche in Chile : Zerstörung mit Feuer und Wasser

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In der Pinochet-Diktatur von 1973 bis 1990 sind gemäß der Staatsdoktrin die Mapuches gar nicht als eigene Volksgemeinschaft wahrgenommen worden, sie galten schlicht als „Chilenen“. Erst nach der Rückkehr zur Demokratie begann sich der Staat wieder um die Belange der Minderheiten zu kümmern. Als eine Art Wiedergutmachung wurde 1993 die „Conadi“, die „Nationale Korporation für indigene Entwicklung“, gegründet, die sich seitdem um die Anliegen der einzelnen Ethnien zu kümmern begann. Als der Natur von jeher eng verbundene Volksgemeinschaft sind die schätzungsweise bis zu 250.000 heute in der Region lebenden Mapuches von den Umweltzerstörungen in ihrem Lebensraum besonders hart betroffen. Vor allem das Wasser ist ein wesentliches Element ihrer Weltsicht.

Flüsse spenden den Mapuches Stärke und Heilkraft

„Die Mapuches sehen sich als Teil des Ganzen, sie stehen in engster Verbindung zu ihrer Umwelt. Für sie sind die Flüsse Leben, sie spenden ihnen Stärke und Heilkraft“, beschreibt Hernán Muñoz, der Umweltbeauftragte der Conadi für die Araucanía, in seinem Büro in Temuco das sensible Verhältnis der einstigen Urbewohner zu ihrem Lebensraum. Gerade das Wasser, das in reinster Form und in großer Menge aus den Anden in die Ebene hinabfließt, wird jedoch auf vielfältige Weise benutzt, verschmutzt und verseucht. Das führte immer wieder zu heftigen Konflikten zwischen Mapuches und großen Industriekonzernen sowie staatlichen Behörden. Bei den Protesten gab es auch Tote, die Polizei ging oft mit großer Härte vor, weil sie die Anführer als „Terroristen“ behandelte.

Für Mapuches ist es schon eine Störung des Gleichgewichts in der Natur, wenn Wasser durch Kraftwerksturbinen geleitet wird. Doch gerade das Aufstauen von Flüssen und Seen zur Gewinnung „erneuerbarer“ elektrischer Energie ist in Chile zur größten Quelle von Umweltkonflikten geworden. Das Megaprojekt „HidroAysén“, bei dem in der südlich der Araucanía gelegenen Region Aysén in zwei Flüssen fünf Wasserkraftwerke gebaut werden sollen, die die Landschaft erheblich verändern werden, hat nicht nur bei den Bewohnern des Gebietes, sondern in ganz Chile zu Protesten geführt. Durchgesetzt haben sich das Konsortium Endesa-Colbún und die Politiker in der Hauptstadt Santiago, von denen nicht wenige selbst unternehmerische Interessen an den Energieprojekten haben. Der Oberste Gerichtshof hat das Vorhaben abgesegnet.

Der Besitz von Wasser und Land ist in Chile getrennt

Die im wasserreichen Süden Chiles erzeugte Elektroenergie kommt freilich nicht der Region zugute, in der sie erzeugt wird. Sie wird vielmehr über Hunderte und Tausende Kilometer über Starkstromleitungen in das städtische Ballungsgebiet der Hauptstadt und zu Industriestandorten im Land geleitet, bis hinauf in die Atacamawüste zu den Kupferbergwerken. Den Sündenfall sieht Hernán Muñoz in dem 1981, mitten in der Pinochet-Diktatur, verabschiedeten und noch immer gültigen „Wasserkodex“, der den Besitz von Land und Wasser trennt. Wer Land besitzt, hat demnach nicht das Recht, das durch das Terrain fließende Wasser, das einem anderen Eigentümer - wie etwa den großen Energiefirmen - gehört, nach Belieben zu nutzen.

Kritiker bemängeln, dass in Chile das Wasser als Wirtschaftsgut und nicht als natürliche Ressource angesehen wird. Damit bleibt es den Eignern nahezu völlig freigestellt, ob und wie sie es nutzen. Es gibt nur sehr schwache oder gar keine Regulierung. Damit sind Spekulation und Willkür alle Schleusen geöffnet. Die Energieunternehmen und die ihnen als Lobbyisten oder gar Teilhaber verbundenen Politiker bezeichnen den ungebremsten Zugriff auf die Wasserressourcen im Süden Chiles als notwendig für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Der Staat kontrolliert jedoch die Umweltverträglichkeit von Wassernutzungsprojekten nur unzulänglich oder gar nicht, in vielen Fällen versickert die Aufsichtspflicht im Wirrwarr von Bestimmungen und im Kompetenzgerangel der Behörden.

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