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Ein kleines rotes Buch als Waffe der Revolution

Von PETRA KOLONKO aus Peking

16.12.2016 · Millionen Chinesen lernten das als Mao-Bibel bekannte Büchlein auswendig. Die hasserfüllten Worte des „Großen Vorsitzenden“ heizten vor 50 Jahren in der Kulturrevolution die grausame Jagd seiner fanatischen Anhänger auf „Klassenfeinde“ an.

Zu Ende des Jahres 1966 zog unter dem Namen „Kulturrevolution“ der Rote Terror über China. Aufgehetzt vom „Großen Vorsitzenden“ Mao Tse-tung machten fanatisierte Jugendliche Jagd auf „reaktionäre Autoritäten“ in Schulen und Behörden. Sie stürmten Wohnungen von angeblichen „Klassenfeinden“, zerstörten historisch wertvolle Kulturdenkmäler und verbrannten alte Schriften. Ihre ideologische Waffe war ein kleines rotes Buch. Jeder trug es mit sich, jeder kannte ganze Passagen daraus auswendig. „Der Kommunismus ist nicht Liebe, sondern der Hammer, mit dem wir Feinde zerschlagen“. „Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Deckchensticken“ stand da oder „Die Geschichte ist, dass eine Klasse aufsteigt und die andere vernichtet wird“.

© akg-images / ANA Nur die Bibel hat eine höhere Auflage: Die als kleines rotes Buch oder Mao-Bibel bekannt gewordene Spruchsammlung Mao Tse-tungs ist bis heute mehr als eine Milliarde Mal gedruckt worden.

Die „Worte des Vorsitzenden Mao“ in einer Mini-Buchausgabe, in leuchtend rotem Plastik-Einband, wurden auf den endlosen politischen Massenversammlungen, auf den Kampfsitzungen gegen „Klassenfeinde“ und öffentlichen Tribunalen mit anschließenden Hinrichtungen, unter roten Fahnen geschwenkt, zum Beweis der Treue zum Vorsitzenden Mao.

© Picture Alliance Der Verfasser und sein treuer Leser: Der chinesische Staatschef Mao Tse-tung (l) und der damalige chinesische Verteidigungsminister Lin Biao posieren 1966 für ein offizielles Bild der rotchinesischen Nachrichtenagentur. Lin Biao hält eine rote Mao-Bibel in Händen, die ihm von den Roten Garden überreicht wurde.

Das kleine rote Buch entstand als Teil eines Personenkultes um Chinas Revolutionsführer Mao Tse-tung. Der hatte sich zu Beginn der sechziger Jahre mit seinen ultra-linken und radikalen Vorstellungen eines chinesischen Kommunismus mit seinen Genossen zerstritten und wollte seine politische Linie gegen seine Widersacher in der Kommunistischen Partei durchsetzen.

Zur Seite stand ihm dabei sein treuer Gefolgsmann und designierter Nachfolger, Marschall Lin Biao. Lin Biao inszenierte einen Personenkult um Mao, der nicht nur die Partei und das Militär, sondern auch die „Volksmassen“ hinter Mao sammeln sollte. Lin Biao stellte 427 Zitate aus Reden und Schriften als „Worte des Vorsitzenden Mao“ im Jahr 1964 zunächst zur Verbreitung in der chinesischen Volksbefreiungsarmee zusammen.

Das kleine Format wurde gewählt, damit das Buch in die Brusttasche der Armeeuniform passen konnte. Als Mao dann im Mai 1966 die Große Proletarische Kulturrevolution ausrief, ließ Lin Biao die Zitate-Sammlung landesweit an alle verbreiten. Am 16. Dezember 1966 erschien das kleine rote Buch mit einem Vorwort von Lin Biao, in dem der Marschall den Vorsitzenden Mao als den größten Marxisten-Leninisten seiner Zeit pries.

Die Partei müsse das Banner der Mao-Tse-tung-Ideen hochhalten, forderte er. Arbeiter, Bauern und Soldaten sollten Maos Schriften studieren, seinen Anweisungen folgen und Maos gute Kämpfer werden. Am besten sei es, die wichtigen Sätze auswendig zu lernen, schrieb Lin Biao.

© Picture-Alliance Der Geist der Kulturrevolution: Ein chinesisches Propagandaplakat aus dem Jahr 1966 warnt vor Abtrünnigen. Unter dem muskulösen Arbeiter steht die Bildunterschrift: „Hüte dich vor Reformkommunisten, die sich zu Kapitalisten entwickeln.“

Ganz China folgte diesem Aufruf. In Propagandakursen am Arbeitsplatz, in der Schule oder auf dem Dorfplatz, studierten die Chinesen Maos Texte. Man konnte sich ideologisch auf der sicheren Seite fühlen, wenn man für jede Gelegenheit ein Zitat des Großen Vorsitzenden parat hatte. Zitate von Mao ersetzten eine Zeitlang sogar die üblichen Begrüßungformeln.

© Picture-Alliance 1966 war sie in China Pflichtlektüre für Kulturrevolutionäre: Junge Chinesen sind vertieft in ihre Mao-Bibeln.

Das kleine rote Buch wurde in Millionenauflage gedruckt. Während der Kulturrevolution gab es in chinesischen Buchläden nur dieses Büchlein und ausführlichere Texte des Vorsitzenden Mao zu kaufen. In der damals bitter armen Volksrepublik wurde sogar Plastik knapp, weil das Material für den Umschlag des kleinen roten Buches gebraucht wurde.

  • © Picture-Alliance Fischer der Insel Wanwei sitzen auf ihrem Fischerboot in einer Runde und lesen gemeinsam in der roten Mao-Bibel, die die Lehren des chinesischen Führers Mao Tse-tung enthält.
  • © akg-images / Zhou Thong Angehörige der Roten Garde schwenken auf dem Pekinger Tiananmen-Platz ihre Mao-Bibeln. Die Rotgardisten waren Kampftrupps maoistischer Jugendlicher, die Mao Tse-tung in den Jahren 1966 bis 1969 in China bei der Durchsetzung der Kulturrevolution unterstützten.

Das Buch wurde auch im Ausland ein Renner, die chinesische Propaganda ließ es in viele Sprachen übersetzen. Nach Schätzungen erreichte die Zitaten-Sammlung in der Hochzeit ihrer Verbreitung eine Auflage von weltweit einer Milliarde.

Auch bei der linksgerichteten Jugend und den Studentenbewegungen der sechziger Jahre in Deutschland und anderen Staaten Europas war das Buch beliebt. Von vielen jungen Leuten, die gegen die aus ihrer Sicht reaktionären und kapitalistischen westlichen Gesellschaftsordnungen rebellierten, wurde Mao Tse-tung als Revolutionär verehrt. Seine Theorien wurden als Alternative zum sowjetischen Kommunismus propagiert.

© Lutz Kleinhans 1975 demonstrierten linke Studenten und Kommunisten zusammen auf dem Frankfurter Römerberg (Fotomontage).

In Deutschland wurde das Buch mit dem offiziellen Titel „Worte des Vorsitzende Mao Tse-tung“ als Mao-Bibel bekannt. In China fiel das kleine rote Buch, das den Klassenkampf predigte, bald dem Machtkampf in der Parteiführung zum Opfer. Lin Biao, der Initiator des Buches, kam im Jahr 1971 bei einem Flugzeugabsturz in der Mongolei ums Leben, als er mit seiner Familie in die Sowjetunion fliehen wollte.

Einer schockierten chinesischen Öffentlichkeit wurde erzählt, dass er einen Putschversuch geplant hatte. Lin Biaos Sohn hatte mit einer Gruppe von Offizieren ein Attentat auf Mao geplant, das fehlschlug. Maos lange Zeit treuer Weggefährte Lin Biao wurde nach seinem Fluchtversuch und Tod zur Unperson erklärt. Sein Name verschwand aus Bildern und Archiven. Da aber sein Vorwort das kleine rote Buch millionenfach zierte, wurden die Bücher eingezogen oder die Entfernung des Vorwortes angeordnet.

Heute lässt sich das kleine rote Buch noch auf chinesischen Trödelmärkten finden. Exemplare mit dem Vorwort von Lin Biao haben besonderen Wert.

© Picture-Alliance Ein chinesisches Propagandaplakat aus dem Jahr 1968 aus der Zeit der Kulturrevolution zeigt den chinesischen Staatschef Mao Tse-tung mit jungen Chinesen, die die rote Mao-Bibel schwenken. Die Bildunterschrift ist ein beliebter Ausspruch Maos: „Jugend, die bist die Sonne um acht Uhr am Morgen.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 15.12.2016 18:15 Uhr