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Corona-Krise in Brasilien : Wo Sauerstoff zur Luxusware wird

Anstehen für den Sauerstoff: Nach dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems in der Amazonas-Metropole Manaus hat Brasiliens Luftwaffe Sauerstoff geliefert. Bild: dpa

In Brasiliens Amazonas-Metropole Manaus ereignen sich dramatische Szenen. Die Krankenhäuser sind überlastet, Särge werden abtransportiert, Patienten ausgeflogen – und der Preis für Sauerstoff schnellt hoch. Im Volk regt sich Unmut.

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          Manaus durchlebt dramatische Tage. Seit Freitag suchen Angehörige in der brasilianischen Amazonas-Metropole verzweifelt nach Sauerstoff. Ihre Liebsten in den Krankenhäusern laufen Gefahr, den Erstickungstod zu erleiden, seit die Stadt nicht mehr genügend Sauerstoff hat, um die wachsende Zahl der Corona-Patienten zu behandeln.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          An den wenigen Orten, wo Sauerstoff ausgegeben wird, warten die Menschen mit leeren Gasflaschen. Der Preis für Sauerstoff hat sich am Freitag über Nacht verdoppelt. Eine Nachfüllung von zehn Kubikmetern kostet umgerechnet etwa 125 Euro. Auch die Preise für Zylinder, in denen der Sauerstoff transportiert wird, sind in die Höhe geschnellt. Eine Familie berichtete, fast 6000 Real (umgerechnet mehr als 900 Euro) für ein Fünf-Liter-Beatmungs-Kit ausgegeben zu haben. In anderen Städten sind dieselben Produkte weitaus günstiger zu finden.

          Derweil treffen immer mehr Patienten in den überlasteten Krankenhäusern ein, wo viele nur manuell und mit Atemluft versorgt werden können anstatt mit medizinischem Sauerstoff. Vor den Krankenhäusern berichten Angehörige und Beschäftigte von dramatischen Szenen im Innern. Immer wieder werden Särge abtransportiert.

          Welche Rolle spielt die Mutation?

          Die Bilder und Berichte aus Manaus schockieren das ganze Land und rütteln es aus seiner Nonchalance, die sich über die Festtage eingestellt hatte. Über Weihnachten und Neujahr schienen viele Brasilianer die Pandemie vergessen zu haben und ließen ihre Masken fallen: Volle Strände und Bars sowie ein reger Betrieb in den Einkaufszentren, Partys und private Treffen waren Ausdruck davon und haben eine zweite Corona-Welle ausgelöst. Mit tödlichen Folgen.

          Friedhofsmitarbeiter in Manaus tragen den Sarg eines am Coronavirus Verstorbenen zum Grab.
          Friedhofsmitarbeiter in Manaus tragen den Sarg eines am Coronavirus Verstorbenen zum Grab. : Bild: AP

          Präsident Jair Bolsonaro verkennt den Ernst der Lage; und das schon seit Ausbruch der Pandemie. Immer wieder spottet er über die empfohlenen Maßnahmen. Und so war es auch Bolsonaro, der mit schlechtem Beispiel kürzlich voranging, indem er von einem Boot aus ins Wasser zu einigen Badenden sprang und sich von der angesammelten Menge feiern ließ.

          Fachleute befürchten, dass die nun rasant anrollende zweite Welle in Brasilien und anderen Ländern der Region noch heftiger ausfallen könnte als die erste im vergangenen Jahr. Die brasilianischen Statistiken der vergangenen Tage zeigen nun wieder dieselben Werte wie im vergangenen Jahr, als die Kurve ihren Höchststand erreicht hatte. Auch in Manaus, dem jetzigen Hotspot, hatte man es über die Festtage zu locker genommen. Die lokalen Behörden sahen angesichts öffentlicher Kritik von einem Lockdown ab – ganz zur Freude von Bolsonaro.

          Hausfassade in  São Paulo: Wie viele Tote braucht es noch bis zu einem Amtsenthebungsverfahren, fragen sich Kritiker des Präsidenten Jair Bolsonaro.
          Hausfassade in São Paulo: Wie viele Tote braucht es noch bis zu einem Amtsenthebungsverfahren, fragen sich Kritiker des Präsidenten Jair Bolsonaro. : Bild: Reuters

          Schon im vergangenen Jahr hatte es Manaus hart getroffen. Der jetzige Anstieg der Infektionszahlen ist allerdings ungleich rascher und stärker. Von der nachlassenden Disziplin der Bevölkerung und der mangelnden Prävention in den vergangenen Wochen abgesehen, sehen Wissenschaftler eine der Ursachen der raschen Verbreitung in einer kürzlich entdeckten Mutation des Virus, die vergleichbar ist mit den beiden stark übertragbaren Varianten, die in Großbritannien und Südafrika registriert wurden.

          Die Mutation wurde in Japan bei vier Reisenden aus der Amazonasregion entdeckt. Ihren Ursprung hat sie in Amazonien. Es ist derzeit nicht klar, inwiefern sich die neue Variante bereits in anderen Landesteilen verbreitet hat, wo die Infektionen in den verganenen Tagen ebenfalls stark angestiegen sind und die Kapazitäten auf den Intensivstationen schrumpfen. Erste Länder wie Großbritannien und Italien haben wegen der neuen Virusvariante die Einreise aus Brasilien und anderen Ländern der Region untersagt.

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