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Malis Islamisten : Am Ende der Zusammenarbeit

  • -Aktualisiert am

Die schwarze Flagge der Salafisten hängt über der Kaserne von Sidi Bekaye in Timbuktu. Bild: AFP

Lange haben die Behörden Malis mit den Terroristen von Al Qaida heimlich kooperiert. Nun haben die Dschihadisten die Tuareg benutzt, um sich im Land festzusetzen.

          Al Qaida hat einen neuen Stützpunkt in Afrika: den Norden von Mali. Der westafrikanische Wüstenstaat ist damit nach Somalia, das in weiten Teilen von der islamistischen Shabaab-Miliz kontrolliert wird, das zweite Standbein der Terroristen auf dem Kontinent. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern könnte.

          Für die Bevölkerung im Norden Malis ist der Vormarsch die Islamisten ein Schock. Die wenigen Zeugenaussagen, die derzeit noch telefonisch aus Timbuktu zu erhalten sind, zeugen davon, dass Frauen gezwungen werden, Schleier zu tragen statt Jeans, Selbst den Männern sei befohlen worden, die Hosenbeine zu kürzen, und so dem Beispiel des Propheten Mohammed zu folgen. „Das sind Irre, das kannst du dir gar nicht vorstellen“, sagte ein Bewohner Timbuktus dieser Zeitung.

          Tatsächlich ist die Eroberung des Nordens von Mali einer auf dem ersten Blick unmöglich erscheinenden Allianz geschuldet: dem Bündnis einer säkularen Rebellion von Tuareg gegen die Zentralregierung in Bamako mit der Terrorgruppe „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim), die seit Jahren im Norden Malis ihre Rückzugsgebiete hat. Helfer der radikalen Islamisten für deren Machtübernahme in der historischen Stadt Timbuktu, in der sich inzwischen drei Aqim-Führer aufhalten sollen, war ein Tuareg namens Iyad ag Ghaly, der einst für die malische Regierung mit Aqim verhandelte. Inzwischen sieht es so aus, als ob die islamistischen Extremisten in den eroberten Städten Nordmalis die Oberhand haben.

          Die Verbindungen zwischen Aqim und den Tuareg gehen auf die Jahre 2005 und 2006 zurück. Die algerische Terrorgruppe „Groupe salafiste pour la prédiction et le combat“ (GSPC), aus der später Aqim wurde, musste dem enormen Druck der Armee in ihrem Heimatland ins Ausland ausweichen. Doch der Versuch, sich in Marokko und später in Mauretanien dauerhaft festzusetzen, scheiterte am Widerstand der dortigen Geheimdienste. Also zog die Gruppe um ihren Anführer Abdelmalek Droukdal in das Gebirgsmassiv „Adrar des Ifoghas“ im Nordosten Malis zurück, wo sie am 11. September 2006 dem al-Qaida-Führer Usama bin Ladin und seinem Stellvertreter Ayman al Zawahari die Treue schwor. Aus der GSPC wurde Aqim.

          Mauretanien geht als einziges Land der Region aktiv gegen Aqim vor

          Die algerischen Dschihadisten zahlten den Tuareg viel Geld für ihren Schutz und profitierten von dem schwunghaften Schmuggel, der seit jeher eine der größten Einnahmequellen im Grenzgebiet von Algerien, Mali, Mauretanien und Niger darstellt. Aqim aber dachte in größeren Kategorien und begann im Jahr 2008, Kokaintransporte für südamerikanische Kartelle zu organisieren. Das ging soweit, dass die Kartelle ganze Flugzeugladungen nach Mali brachten, wie etwa jene Boeing 727, die Mitte 2009 aus Venezuela kommend auf einer Piste im Norden Malis aufsetzte und anschließend von der Besatzung in Brand gesteckt wurde.

          Daneben hatte sich Aqim von Bombenanschlägen ab- und dem lukrativen Geiselgeschäft zugewandt. Gegenwärtig hält die Gruppe 14 Europäer in ihrer Gewalt, unter ihnen ist ein deutscher Bauingenieur. Über die Jahre haben Aqim und die Vorläuferorganisation GSPC mit der Entführung von 80 Personen rund 183 Millionen Euro an Lösegeld erpresst. Mit diesen Einkünften fiel es den radikalen Islamisten leicht, unter den jungen Tuareg neue Kämpfer zu rekrutieren.

          Kämpfer der Islamisten von Ansar Dine in Timbuktu Bilderstrecke

          Der mauretanische Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz, dessen Regierung als einzige in der Region aktiv gegen Aqim vorgeht, schätzt die Stärke der Terrorgruppe auf bestenfalls 300 Mann. „Das ist für keinen Staat dieser Welt ein Problem“, sagte er im vergangen Jahr der Zeitung „Le Monde“. Andere Fachleute schätzen die Truppenstärke auf bis zu 800 Mann, die für einzelne Aktionen kann Aqim demnach auf einen Sympathisantenkreis von mehr als 1000 Personen zurückgreifen - eben auf jene jungen Tuareg, die mit Geld angelockt werden.

          Aqim ist auch deshalb schwer zu bekämpfen, weil die Gruppe kleinteilig organisiert und deshalb sehr mobil ist. Französische Terrorexperten gehen davon aus, dass Aqim in zwei große „Katiba“ genannte Gliederungen eingeteilt ist, die sich wiederum in Gruppen von höchstens zehn Kämpfern unterteilen. Das Einflussgebiet des Ost-Katiba erstreckt sich von Tunesien im Norden bis Niger im Süden sowie von Mauretanien im Westen bis Tschad im Osten. Dessen mutmaßlicher Führer ist Abdel Hamid Abu Zaid, der sich seit Sonntag in Timbuktu aufhalten soll. Das zweite Katiba im Westen ist vor allem in Mauretanien aktiv. Es soll von Mokthar Belmohktar befehligt werden, der wegen seiner umfangreichen Schmuggelgeschäfte auch „Mister Marlboro“ genannt wird und der sich ebenfalls inzwischen in Timbuktu niedergelassen haben soll.

          Der malische Geheimdienst bediente sich großzügig

          Dennoch schien Aqim in den vergangenen drei Jahren in die Defensive geraten zu sein. Die mauretanische Armee setzte den Terroristen ebenso zu wie die nigrischen Streitkräfte. Das Militär beider Länder wurde dabei von französischen Elitesoldaten unterstützt. Mehrere Geiselbefreiungsversuche endeten blutig, schienen Aqim gleichwohl massiv geschwächt zu haben. Mathieu Guidière, Islamkundeprofessor an der Universität von Toulouse, schätzt die jährlichen Verluste von Aqim durch Tötung von Kämpfern, Verletzungen und Gefangennahmen auf bis 50 Prozent der permanent unter Waffen stehenden Terroristen. Dass Aqim trotzdem aktiv bleiben konnte, war vor allem der klammheimlichen Unterstützung durch die malische Regierung zu verdanken.

          Die Gruppe hat in Mali immer auf die Kooperation der Sicherheitskräfte zählen können. Stand ein Angriff auf einen ihrer Stützpunkte bevor, wusste Aqim das mindestens 24 Stunden im Voraus. Galt es Lösegeld zu übergeben, bediente sich der malische Geheimdienst meist großzügig. Zwischen der malischen Regierung unter ihrem unlängst gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Touré und den Islamisten schien so etwas wie ein „Gentlemen’s agreement“ zu bestehen. Aqim nahm keine Geiseln auf malischem Boden und im Gegenzug machte die malische Armee einen großen Bogen das Rückzugsgebiet der Terroristen. Die malischen Sicherheitsbehörden schauten auch weg, als Aqim vor knapp zwei Jahren anfing, Mitglieder der radikalen nigerianischen Sekte Boko Haram im Bombenbau zu unterrichten. Dieses heimliche Abkommen mit Bamako hielt bis zum November 2011, als Aqim-Kämpfer zwei angebliche französische Geologen, die in Wahrheit Söldner waren, in Hombori nahe der Stadt Gao entführten. In der Nacht darauf, am 24. November, überfiel Aqim ein Restaurant in Timbuktu, tötete einen deutschen Touristen und nahm einen Engländer, einen Schweden und einen Niederländer als Geiseln.

          Über die Hintergründe der Aufkündigung der Zusammenarbeit ist seither viel spekuliert worden. Unter anderem hieß es eine Zeitlang, Aqim wolle sich mit „lebenden Schutzschilden“ gegen die französische Armee absichern, die den Al-Qaida-Terroristen gefährlich nahe gekommen war. Eine andere Erklärung steht in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Libyen. Der war damals, im November 2011, seit knapp zwei Monaten beendet. Die auf mehrere Tausend geschätzten Tuareg, die teilweise 20 Jahre lang für den libyschen Diktator Gaddafi gekämpft hatten, waren mitsamt ihrer Waffen nach Mali zurückgekehrt. Sie zogen in eben jenes Gebirgsmassiv (Adrar des Ifoghas), wo Aqim nicht nur über Geld, sondern auch durch Eheschließungen enge Verbindungen zu den Tuareg aufgebaut hatte. Die heimgekehrten Tuareg drohten Bamako mit Krieg, sollte ihr Siedlungsgebiet Azawad nicht unabhängig werden. Aqim sah darin womöglich eine unverhoffte Chance, die jedes Abkommen mit Bamako obsolet machte: nämlich die Möglichkeit, im Windschatten der Tuareg weite Teile Malis unter eigene Kontrolle zu bringen.

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