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Malis Islamisten : Am Ende der Zusammenarbeit

  • -Aktualisiert am

Aqim ist auch deshalb schwer zu bekämpfen, weil die Gruppe kleinteilig organisiert und deshalb sehr mobil ist. Französische Terrorexperten gehen davon aus, dass Aqim in zwei große „Katiba“ genannte Gliederungen eingeteilt ist, die sich wiederum in Gruppen von höchstens zehn Kämpfern unterteilen. Das Einflussgebiet des Ost-Katiba erstreckt sich von Tunesien im Norden bis Niger im Süden sowie von Mauretanien im Westen bis Tschad im Osten. Dessen mutmaßlicher Führer ist Abdel Hamid Abu Zaid, der sich seit Sonntag in Timbuktu aufhalten soll. Das zweite Katiba im Westen ist vor allem in Mauretanien aktiv. Es soll von Mokthar Belmohktar befehligt werden, der wegen seiner umfangreichen Schmuggelgeschäfte auch „Mister Marlboro“ genannt wird und der sich ebenfalls inzwischen in Timbuktu niedergelassen haben soll.

Der malische Geheimdienst bediente sich großzügig

Dennoch schien Aqim in den vergangenen drei Jahren in die Defensive geraten zu sein. Die mauretanische Armee setzte den Terroristen ebenso zu wie die nigrischen Streitkräfte. Das Militär beider Länder wurde dabei von französischen Elitesoldaten unterstützt. Mehrere Geiselbefreiungsversuche endeten blutig, schienen Aqim gleichwohl massiv geschwächt zu haben. Mathieu Guidière, Islamkundeprofessor an der Universität von Toulouse, schätzt die jährlichen Verluste von Aqim durch Tötung von Kämpfern, Verletzungen und Gefangennahmen auf bis 50 Prozent der permanent unter Waffen stehenden Terroristen. Dass Aqim trotzdem aktiv bleiben konnte, war vor allem der klammheimlichen Unterstützung durch die malische Regierung zu verdanken.

Die Gruppe hat in Mali immer auf die Kooperation der Sicherheitskräfte zählen können. Stand ein Angriff auf einen ihrer Stützpunkte bevor, wusste Aqim das mindestens 24 Stunden im Voraus. Galt es Lösegeld zu übergeben, bediente sich der malische Geheimdienst meist großzügig. Zwischen der malischen Regierung unter ihrem unlängst gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Touré und den Islamisten schien so etwas wie ein „Gentlemen’s agreement“ zu bestehen. Aqim nahm keine Geiseln auf malischem Boden und im Gegenzug machte die malische Armee einen großen Bogen das Rückzugsgebiet der Terroristen. Die malischen Sicherheitsbehörden schauten auch weg, als Aqim vor knapp zwei Jahren anfing, Mitglieder der radikalen nigerianischen Sekte Boko Haram im Bombenbau zu unterrichten. Dieses heimliche Abkommen mit Bamako hielt bis zum November 2011, als Aqim-Kämpfer zwei angebliche französische Geologen, die in Wahrheit Söldner waren, in Hombori nahe der Stadt Gao entführten. In der Nacht darauf, am 24. November, überfiel Aqim ein Restaurant in Timbuktu, tötete einen deutschen Touristen und nahm einen Engländer, einen Schweden und einen Niederländer als Geiseln.

Über die Hintergründe der Aufkündigung der Zusammenarbeit ist seither viel spekuliert worden. Unter anderem hieß es eine Zeitlang, Aqim wolle sich mit „lebenden Schutzschilden“ gegen die französische Armee absichern, die den Al-Qaida-Terroristen gefährlich nahe gekommen war. Eine andere Erklärung steht in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Libyen. Der war damals, im November 2011, seit knapp zwei Monaten beendet. Die auf mehrere Tausend geschätzten Tuareg, die teilweise 20 Jahre lang für den libyschen Diktator Gaddafi gekämpft hatten, waren mitsamt ihrer Waffen nach Mali zurückgekehrt. Sie zogen in eben jenes Gebirgsmassiv (Adrar des Ifoghas), wo Aqim nicht nur über Geld, sondern auch durch Eheschließungen enge Verbindungen zu den Tuareg aufgebaut hatte. Die heimgekehrten Tuareg drohten Bamako mit Krieg, sollte ihr Siedlungsgebiet Azawad nicht unabhängig werden. Aqim sah darin womöglich eine unverhoffte Chance, die jedes Abkommen mit Bamako obsolet machte: nämlich die Möglichkeit, im Windschatten der Tuareg weite Teile Malis unter eigene Kontrolle zu bringen.

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