https://www.faz.net/-gpf-6zjvi

Mali : Ein politisches Himmelfahrtskommando

  • -Aktualisiert am

Cheick Modibo Diarra, der Ministerpräsident der malischen Übergangsregierung Bild: AFP

In Mali soll ein renommierter Wissenschaftler das Land als Regierungschef aus der Krise führen. Doch die Junta ist auch für Raumfahrttechniker Diarra unberechenbar.

          Um seine neue Aufgabe ist Cheick Modibo Diarra, der Ministerpräsident der malischen Übergangsregierung, nicht zu beneiden. Er soll das Land wieder vereinen, dessen Norden von Tuareg-Rebellen und radikalen Islamisten besetzt ist, und er soll die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung garantieren, nachdem die Armee am 22. März Präsident Amadou Toumani Touré gestürzt hatte. Das ist umso schwieriger, weil das Verhalten etlicher der Beteiligten unberechenbar ist, wie die nächtlichen Schießereien in der Hauptstadt Bamako am Dienstag einmal mehr bewiesen haben.

          Der Anlass war offenbar der Versuch der Putschisten, einen ranghohen Offizier festzunehmen, der Touré als persönlicher Generalstabschef gedient hatte. Die Präsidentengarde ging auf die Putschisten los, diese feuerten wiederum auf den Fernsehsender, ihre Kaserne wurde angegriffen, und erst als sich der Kampflärm im Morgengrauen verflüchtigte, schien klar zu sein, dass die Putschisten die Oberhand behalten konnten. Ebendiese Putschisten um Hauptmann Amadou Sanogo hatten Touré wegen seiner „Unfähigkeit im Kampf gegen den islamischen Terror“ verjagt. Sie hatten dann angesichts des Vormarsches der Islamisten nur wenige Tage nach ihrem Putsch der Wiedereinsetzung einer zivilen Regierung zugestimmt. Nun wollen sie von den Forderungen der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion Ecowas nach Entsendung ausländischer Stabilisierungstruppen und Neuwahlen in spätestens zwölf Monaten nichts mehr wissen.

          Ein Wissenschaftler von Weltruf

          Inmitten dieses Durcheinanders soll Diarra als Ministerpräsident nun versuchen, die territoriale Integrität wiederherzustellen und das Land zurück zu demokratischen Gepflogenheiten führen. Dabei ist er alles andere als ein erfahrener Politiker. Aber er kennt sich mit komplexen Gleichungen aus, was angesichts der verfahrenen politischen Lage in Mali durchaus von Vorteil sein kann. Der 60 Jahre alte Diarra ist Astrophysiker und als solcher ein Wissenschaftler von Weltruf. Diarra arbeitete viele Jahre lang für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa und war an etlichen ihrer Weltraummissionen maßgeblich beteiligt, unter anderem an der „Mission Magellan“ zur Venus, der „Mission Odysseus“ zu den beiden Sonnenpolen, der „Mission Galileo“ zum Jupiter und der „Mission Pfadfinder“ zum Mars. Zudem ist Diarra Direktor des Nasa-Bildungsprogramms „Mars Exploration Program Education and Public Outreach“. Die Zeitschrift „Jeune Afrique“ zählt Modibo Diarra zu den hundert einflussreichsten afrikanischen Persönlichkeiten des 21. Jahrhunderts.

          Die Karriere des Astrophysikers, der 1952 in Nioro in der Region von Kayes geboren wurde und einer adligen Familie entstammt, begann auf dem „Lycée technique“ in der Hauptstadt Bamako, wo seine außergewöhnlichen mathematischen Fähigkeiten schnell Aufsehen erregten. Es folgte ein Studium der Mathematik an der „Université Pierre et Marie Curie“ in Paris mit Abschlüssen in analytischer Mechanik und Physik. An der Howard-Universität in Washington studierte Diarra anschließend Raumfahrttechnik und wurde nach seinem Abschluss 1987 dort als Assistenzprofessor übernommen. 1989 heuerte Diarra bei dem zur Nasa gehörenden Jet Propulsion Laboratory (JPL) an. Dort stieg er zum „interplanetaren Navigator“ auf, der den Kurs sowohl der Venussonde „Magellan“ als auch den der „Odysseus“-Sonden zu den beiden Sonnenpolen berechnete, bestimmte und verantwortete. 1998 wurde Cheik Modio Diarra mit dem „African Lifetime Achievement Award“ ausgezeichnet, ein Preis, den im Jahr zuvor Nelson Mandela erhalten hatte.

          Um die Jahrtausendwende aber wurde Diarra das Leben in Amerika, dessen Staatsbürgerschaft er neben der malischen hat, offenbar langweilig, und er kehrte nach Mali zurück. In seiner im Jahr 2000 erschienenen Biographie „Navigateur Interplanétaire“ schreibt Diarra, ihn habe damals großes Heimweh geplagt und er habe sich verpflichtet gefühlt, etwas für das Land seiner Väter zu tun. Diarra stürzte sich in die Bewirtschaftung der Ländereien seiner Familie, führte neue Bewässerungs- und Erntetechniken ein. Nebenher gründete er in Bamako ein Forschungsinstitut für Solartechnik. Gleichzeitig gehörte Diarra zu den Gründungsmitgliedern der ersten virtuellen Universität in Afrika in Kenia. Im Jahr 2006 trug Bill Gates ihm den Posten des Afrika-Chefs von Microsoft an, Diarra akzeptierte.

          Dass der Vater von drei erwachsenen Kindern langfristig eine politische Karriere ansteuert, daraus hat Diarra nie einen Hehl gemacht. Die Feuertaufe sollte die ursprünglich für Ende April geplante Präsidentenwahl in Mali sein, für die er seine Kandidatur angekündigt hatte. Doch der Militärputsch vom März und der Krieg mit den Tuareg und den Islamisten im Norden Malis haben Cheick Madibo Diarra schneller in die politische Arena befördert, als ihm selbst lieb gewesen sein dürfte. Den Tuareg, die im Norden den „unabhängigen Staat Azawad“ ausgerufen haben, hat er im Gegensatz zu Präsident Dioncounda Traoré Verhandlungen angeboten, wenngleich „nicht mit dem Messer an der Kehle“. Vorerst aber dürften die eigene Armee und deren Gefallen an der Macht sein vordringlichstes Problem sein. Die Putschisten stellen drei Minister in Diarras neuem Kabinett und haben bereits angekündigt, sich von dem „Amerikaner“ nicht entmachten zu lassen. Die politische Karriere des Astrophysikers beginnt jedenfalls unter keinem guten Stern.

          Weitere Themen

          „Extrem bürgerlich“

          AfD-Wahlkampf in Thüringen : „Extrem bürgerlich“

          Beim Wahlkampfauftakt der Thüringer AfD in Arnstadt versucht die Partei, sich ein bürgerlich-konservatives Image zu geben. Doch vor allem die Aussagen eines Redners lassen daran Zweifel aufkommen – und es ist nicht Björn Höcke.

          Neues Referendum bei No-Deal-Brexit Video-Seite öffnen

          Schottland droht : Neues Referendum bei No-Deal-Brexit

          Schottland hat für den Fall eines No-Deal-Brexits ein Unabhängigkeitsreferendum angekündigt. „Wir sollten dies dann 2020 ins Auge fassen“, sagte Sturgeon am Mittwoch bei einem Besuch in Berlin.

          Topmeldungen

          Björn Höcke beim Wahlkampfauftakt der AfD Thüringen

          AfD-Wahlkampf in Thüringen : „Extrem bürgerlich“

          Beim Wahlkampfauftakt der Thüringer AfD in Arnstadt versucht die Partei, sich ein bürgerlich-konservatives Image zu geben. Doch vor allem die Aussagen eines Redners lassen daran Zweifel aufkommen – und es ist nicht Björn Höcke.

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.