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Malaysische Opposition : „Glaubenswechsel muss erlaubt sein“

Die Botschaft: Malaysia soll sich an der weltweiten Demokratisierungswelle beteiligen Bild: AFP

Der malaysische Oppositionsführer Anwar Ibrahim spricht über seinen Prozess wegen angeblicher Homosexualität und die rosige Zukunft des Regierens.

          Eine Polizeistation und ein Körperpflegestudio muss Anwar Ibrahim passieren, um an seinen Arbeitsplatz zu kommen. Die Zentrale der „Keadilan Rakyat“-Partei liegt vor der Stadtgrenze Kuala Lumpurs, in einer trostlosen Neubau-Ladenzeile, gleich neben der Autobahn. Opposition ist ein hartes Brot in Malaysia, und niemand weiß das besser als Anwar Ibrahim. Erst vor sieben Jahren wurde der Mann, der lange Zeit als Kronprinz des legendären Premierministers Mahathir galt, aus dem Gefängnis entlassen, nun droht ihm schon wieder eine Verurteilung. „Ginge es um Recht und Fakten, müsste ich mir keine Sorgen machen“, sagt er zum laufenden Prozess. „Aber ich arbeite gegen ein sehr autoritäres und korruptes System, und das ist mit einigem Risiko verbunden.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Misshandlungen, die er im Gefängnis erdulden musste, haben keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Frisch sieht er aus, wirkt jünger als 64 Jahre. Obwohl er alle Höhen und Tiefen eines asiatischen Politikerlebens durchschritten hat, wirkt er weder bitter noch verbissen. Bereitwillig, jedenfalls ohne erkennbaren Widerwillen, steigt er in die Niederungen hinab, mit denen er sich in seinem Homosexualitätsverfahren beschäftigen muss, doziert über wissenschaftlich unhaltbare DNA-Proben, lacht über Sperma, das vor der Untersuchung 96 Stunden lang ungekühlt aufbewahrt worden sei. „Die DNA-Experten sagen, nirgendwo in der Welt könne Sperma so lange überleben - man konnte also finden, was man finden wollte.“

          Anwar setzt Najib mächtig zu

          Homosexualität steht im mehrheitlich muslimischen Malaysia unter Strafe. Im ersten Verfahren, Ende der neunziger Jahre trat sein Fahrer als Kronzeuge auf, jetzt belastet ihn ein ehemaliger Mitarbeiter. „Es sind Lügen, fabrizierte Beweise, ein Anschlag auf meinen Charakter“, sagt Anwar. Das erste Urteil wegen Homosexualität wurde aufgehoben, nach Jahren. Diesmal setzt der Angeklagte auf den rechtzeitigen Druck der Öffentlichkeit. „Es wird für sie nicht einfach. Wie sollen sie den Fall pushen, wenn die Öffentlichkeit fragt: Wo sind die Beweise?“

          „Sie“, das ist die Umschreibung für „ihn“ - Premierminister Najib Razak, den Anwar mal als Tyrannen, mal als Diktator, mal als „straffrei lebenden Milliardär“ bezeichnet. „Autoritäre Herrscher glauben, sie kommen mit allem durch, weil sie alles kontrollieren: die Medien, die Gerichte, die Polizei. Ich glaube nicht, dass er (Najib) durch jedes einzelne Detail geht. Wahrscheinlich ist er sogar unglücklich darüber, wie sich der Fall entwickelt hat.“ Najib hätte gute Gründe, den Oppositionsführer loszuwerden. Anwar, der international bekannt ist, setzt ihm mächtig zu, als Volkstribun, als Stratege, als politisches Schwergewicht. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis schmiedete Anwar eine Parteienallianz, die die traditionelle Mehrheit des Regierungsbündnis Barisan Nasional bei den Wahlen vor drei Jahren empfindlich schrumpfen ließ. Bei den kommenden Wahlen, die möglicherweise noch in diesem Jahr stattfinden, könnte es für das Regierungsbündnis zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Malaysia eng werden.

          „Hässliche Aktion“

          Im Juli löste die Regierung eine große Demonstration mit Gewalt auf. Mehr als 1400 Teilnehmer wurden zwischenzeitlich festgenommen, mehrere verletzt. Westliche Beobachter in Kuala Lumpur sprechen von einer „hässlichen Aktion“. Anwar vergleicht seine Heimat inzwischen mit einschlägigen Unrechtsstaaten. „Was ist der Unterschied zu Burma? Kein großer.“ Es müsste sich doch herumgesprochen haben, sagt er, „dass das Regime hier korrupt ist, die Presse kontrolliert wird, die Gerichte unter der Exekutive stehen, die Wahlen gefälscht werden.“ Sanktionen verlangt Anwar noch nicht: „Aber ein klarer Standpunkt im Sinne von ,Wir dulden keine Missachtung von Menschenrechten' wäre sehr wichtig.“ Immerhin gibt er zu, dass Deutschland und die EU auf Botschafterebene die Lage „aktiv beobachten“. Auch Staatsminister Hoyer habe unlängst bei einer Reise deutliche Worte gefunden. „Da hat sich was getan in Deutschland.“

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