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Malaysia : Schwieriges Zusammenleben

Die Gebildeten wollen den Wechsel

Steven Gan sieht die Gesellschaft in zwei Lager gespalten. Vor allem die Landbevölkerung neige dazu, die Regierungskoalition zu unterstützen. Die städtische Bevölkerung hingegen, die gebildet ist und Zugang zum Internet hat, wolle den politischen Wechsel. Laut einer Umfrage des „Asia Barometer“ seien vor allem die obere Mittelschicht und die Oberschicht sowie die jungen Leute unzufrieden mit der Regierung. Aus diesen Reihen kamen wohl auch die meisten Teilnehmer der Demonstration am 28. April in Kuala Lumpur. Es war eine der größten Demos der malaysischen Geschichte. Viele Teilnehmer wurden durch die sozialen Netzwerke im Internet mobilisiert. Denn auch in Malaysia, wo die Presse staatlich kontrolliert wird, hat sich das Internet zu einem wichtigen politischen Medium entwickelt.

Als dringendste Probleme sehe die Bevölkerung derzeit die Inflation und die Korruption, sagt Bridget Welsh. Dabei hält etwa die Hälfte der Befragten die wirtschaftliche Situation in Malaysia nach wie vor für gut. Tatsächlich geht es den knapp dreißig Millionen Malaysiern deutlich besser als den Menschen in vielen anderen südostasiatischen Ländern. Das Bruttoinlandsprodukt ist höher als das Belgiens, die Arbeitslosigkeit liegt bei drei Prozent. Symbole dieser wirtschaftlichen Lage sind die 452 Meter hohen Petronas-Zwillingstürme im Zentrum Kuala Lumpurs, einst sogar die höchsten Gebäude der Welt, in denen die Zentrale des gleichnamigen staatlichen Ölkonzerns untergebracht ist. Abends sind die prächtigen Türme hell erleuchtet, das Einkaufszentrum am Fuße der Zwillingstürme ist überfüllt.

Nicht weit von diesen imposanten Türme entfernt hatten sich im April auch die Demonstranten unter dem Titel „Bersih 3.0“ („sauber“) versammelt. Eine Teilnehmerin, die ihren eigenen Angaben nach keine Verbindung zu den Oppositionsparteien hat, berichtet begeistert von der freundschaftlichen Atmosphäre, die unter den Demonstranten geherrscht habe. Dennoch ging die Polizei schließlich mit Tränengas und Wasserwerfern gegen sie vor. Die Behörden rechtfertigten ihr Vorgehen damit, dass sich einige Demonstranten unerlaubt Zugang zu dem gesperrten Merdeka-Platz („Platz der Unabhängigkeit“) verschafft und Barrikaden gestürmt hätten.

Die Regierung malt nun das Schreckbild eines gewalttätigen Aufstandes an die Wand und stellt sich selbst als Bewahrer der Stabilität dar. Der charismatische Oppositionsführer Anwar Ibrahim steht wegen seiner Rolle bei der Demonstration sogar vor Gericht. Seine Anhänger sind überzeugt, dass er auf diese Weise politisch kaltgestellt werden soll. Denn schon früher hatte es zwei fragwürdige Anklagen gegen Anwar gegeben.

Am Ende könne der neue Prozess gegen Anwar der Opposition aber sogar nützen, sagt die Parlamentsabgeordnete Fuziah Salleh. Schließlich sei offensichtlich, dass es sich um eine politische Kampagne handele, so die Politikerin, die zum engeren Kreis von Anwars Keadilan-Partei gehört. Die Politikerin trifft man in einem Lokal in Bangi, einem Ort im wohlhabenden Bundesstaat Selangor, in dem Malaysias Nationale Universität ihren Campus hat. „Die Menschen sind enttäuscht über die Richtung, in die sich dieses Land entwickelt“, sagt Fuziah Salleh.

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