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Malaysia : Der „Fall Allah“ wird zum Politikum

Die Polizei begutachtet den Schaden an einer Kirche in Kuala Lumpur Bild: REUTERS

Dürfen Nichtmuslime den christlichen Gott „Allah“ nennen? In Malaysia tobt ein heftiger Streit über diese Frage. Konservative Muslime sprechen vom subversiven Missionsversuch. Mittlerweile häufen sich Anschläge auf Kirchen.

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          Zuletzt hatten malaysische Muslime in der Nacht zum Sonntag versucht, im Schutz der Nacht eine Kirche in Brand zu setzen; eine weitere wurde beschmiert. Auch wenn nur leichte Schäden entstanden sind, wächst die Beklemmung über die nicht endende Serie von Anschlägen. Neun Kirchen sind seit Freitag mit Brandsätzen angegriffen oder beschmiert worden, darunter Malaysias ältestes Gotteshaus, und mit jedem Vorfall heizt sich die innenpolitische Lage weiter auf.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Als Anlass dient den Gewalttätern offenbar ein Gerichtsurteil, das einen Teil der muslimischen Mehrheit im Land aufgebracht hat. Unlängst hatte der High Court einer Klage der katholischen Wochenzeitung „The Herald“ stattgegeben, der mit Lizenzentzug gedroht worden war, weil sie in ihrer bahasa-sprachigen Ausgabe den christlichen Gott mit „Allah“ übersetzte. Bahasa - wörtlich „Sprache“ - wird sowohl in Malaysia als auch im Nachbarland Indonesien gesprochen und sah sich im Laufe der Jahrhunderte arabischen Einflüssen ausgesetzt. Indonesische Christen - wie auch ihre Glaubensbrüder in der arabischen Welt - nennen ihren Gott traditionell „Allah“.

          Auch in Malaysia - insbesondere in den östlichen Landesteilen Sabah und Sarawak - ist dies seit langem Praxis; fast zehn Prozent der Malaysier sind Christen, die in den drei großen Volksgruppen - Malayen, Chinesen und Indern - gleichermaßen zu finden sind. Doch seit einiger Zeit stößt die Verwendung des Begriffes „Allah“ durch Nichtmuslime auf Widerstand von Klerikern und Regierungsbeamten. Hunderte bahasa-sprachige Bibeln wurden in den vergangenen Jahren aus dem Verkehr gezogen.

          Das Konvertieren zum Christentum ist verboten

          Konservative Muslime, aber auch Minister des Regierungsbündnisses Barisan Nasional (BN) betrachten die Verwendung des Begriffes „Allah“ durch Christen als subversiven Missionsversuch. Das Konvertieren zum Christentum ist Muslimen nach islamischem Recht verboten, obwohl die malaysische Verfassung Religionsfreiheit garantiert. Dieser Widerspruch ruft in dem südostasiatischen Vielvölkerstaat immer wieder Verwirrung, Unmut und Rechtsstreitigkeiten hervor.

          Premierminister Najib Razak hat die Gewalt gegen Kirchen verurteilt und bei einem Tatortbesuch Schadenersatz zugesagt. Aber vor allem die nichtmuslimischen Malaysier vermissen eine konsequente Linie. Dies sei von vielen als stillschweigende Billigung für gewaltsamen Protest verstanden worden, heißt es unter Nichtmuslimen, die sich wegen befürchteter Repressionen nicht mit Namen zitieren lassen wollen. Am Montag sah sich Innenminister Hishammuddin Hussein gezwungen, den Vorwurf der Untätigkeit zurückzuweisen. Die Regierung habe die Lage unter Kontrolle, versicherte er.

          Langsam reift der „Fall Allah“ zu einem Politikum heran, das das fragile Kräfteverhältnis zwischen Regierung und Opposition berühren könnte. Najib hat nach seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr Reformen angestoßen, darunter ein Aufweichen der Förderpolitik für die (mehrheitlich muslimischen) Malayen. Weil dies im konservativen Flügel seiner Partei kritisiert wird, versuche er nun, Boden gutzumachen, glauben Beobachter. In seinem Bemühen, von der Proteststimmung unter vielen Muslimen zu profitieren, droht der Regierungsblock weitere Sympathien unter den chinesischen und indischen Minderheiten zu verlieren. Diesen Gruppen hat der BN seine heftige Einbuße bei den Wahlen zu verdanken, weshalb Najibs Kurs nicht allen BN-Vertretern als weise erscheint.

          „Dialog der Religionen“ vor zerstörten Gotteshäusern

          Die stark gewordene Oppositionsallianz Pakatan Rakyat (PR) unter Führung Anwar Ibrahims stellte sich derweil klar auf die Seite derer, die für einen liberalen Gebrauch des Wortes „Allah“ eintreten. Am Montag rief Anwar zu einem „Dialog der Religionen“ auf. Selbst Funktionäre seines ultra-islamischen Bündnispartners PAS scheinen sich der Linie untergeordnet zu haben und fanden sich vor zerstörten Gotteshäusern ein.

          Nur wenige befürchten eine gewalttätige Eskalation; seit den Unruhen von 1969 haben die Malaysier ihre religiösen und ethnischen Konflikte überwiegend friedlich gelöst. Bedeutung könnte aber die politische Dynamik gewinnen, die einstweilen anhalten dürfte, weil der Rechtsstreit inzwischen vor ein Berufungsgericht gegangen ist, dessen Urteil wiederum vor dem Obersten Gerichtshof landen könnte.

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