https://www.faz.net/-gpf-u7iz

Madrider Terrorprozess : Geschlagene Frauen, verbitterte Väter

  • -Aktualisiert am

191 Menschen verloren bei den Anschlägen ihr Leben Bild: AP

Im ersten Akt des Terrorprozesses von Madrid erklärten sich alle Angeklagten für „nicht schuldig“. Doch schon in den Beschreibungen ihres Familienlebens tun sich menschliche Abgründe auf. Leo Wieland hat die Verhandlungen verfolgt.

          Wenn Mouhannad Almallah abends in Madrid seine Bin-Ladin-Videos anschaute oder mit ein paar Kumpanen im Wohnzimmer über den „Heiligen Krieg“ redete, durfte seine Frau das Schlafzimmer nicht verlassen. Der gebürtige Syrer hatte seine zweite Ehefrau Nouzha - die erste und seine vier Kinder hatte er ihr verschwiegen - aus Marokko nach Spanien gebracht. Dort feierte er mit ihr Hochzeit, und als sie mit Zwillingen schwanger war, verprügelte er sie, so dass eines der Kinder starb. Allmallah fand, das sei eine vortreffliche Lektion, und sagte zu ihr: „Eine solche Abtreibung ist ein wahrer Schlag für eine Frau - so wie für die Amerikaner das Attentat vom 11. September in New York.“

          Bei Almallah geht es nun aber um den Anschlag vom 11. März 2004 in Madrid. Er ist als mutmaßliches Mitglied und Helfer einer terroristischen Vereinigung, für den die Anklage zwölf Jahre Haft verlangt, allerdings nur ein kleiner Fisch. Sein Fall wirft nach dem Ende des ersten Prozessmonats aber einen Lichtpunkt in das Labyrinth eines Verfahrens, welches durch die Summe der Strahlen zu einem überzeugenden Urteil führen soll. Wenn man die besorgten Gesichtszüge dieses Mannes zum Maßstab stimmt, dann vergeht den insgesamt 29 wegen des Madrider Massakers Angeklagten allmählich das Lachen.

          „Die Anschläge haben mich überhaupt nicht berührt“

          Sie hatten im ersten Akt das Wort, und alle erklärten sich einhellig für „nicht schuldig“. Schuldig waren für sie allenfalls die sieben Selbstmordattentäter, die nicht mehr befragt werden konnten. Deshalb knirschten die Angehörigen der Opfer im Saale so hörbar mit den Zähnen, dass der Vorsitzende Richter Javier Gomez Bermudez, der weder Unsinn noch Gefühlsausbrüche oder Abschweifungen duldet, zu ihnen sagte: „Bewahren Sie Ihre Würde, was auch immer geschieht und was auch immer Sie hören mögen.“ Das bezog sich auch auf den als den Hauptsprengstofflieferanten verdächtigten spanischen Bergbauarbeiter Emilio Suarez Trashorras, der zu Protokoll gab: „Die Anschläge vom 11. März haben mich überhaupt nicht berührt.“

          Im März 2004

          Im zweiten Prozessmonat - das Verfahren dürfte bis zum Juli dauern - beißen die Angeklagten im ihrem Glaskäfig nun stumm auf die Fingernägel und stoßen sich nur noch selten kollegial mit den Ellenbogen an. Jetzt haben die Zeugen, die Sachverständigen und die Polizisten das Wort.

          Die Staatsanwaltschaft, die sich bei der Befragung der Angeklagten im Ton auffallend zurückgehalten hatte und dafür schon von einigen spanischen Medien kritisiert worden war, präsentiert etliche Indizien wie DNA-Proben, Fingerabdrücke und Telefonkarten. Die Ankläger haben dabei sechs überlebende mutmaßliche Haupttäter im Blick, von denen vier auf der Anklagebank sitzen, einer flüchtig und einer in Marokko inhaftiert ist.

          „Schwache Stelle“ der Länder mit Truppen im Irak

          Die Fachleute der Geheimdienste haben vor Gericht ausgesagt, dass die spanische Islamistenzelle den ferngesteuerten Direktiven des Al-Qaida-Anführers Bin Ladin „gehorcht“ habe. Dieser hatte das Land als Unterstützer der Amerikaner und Briten im Feldzug gegen den Irak als „legitimes Ziel“ genannt. Spanien sei, so gab jetzt der Chef der Abteilung Terrorabwehr zu Protokoll, die „schwache Stelle“ der Länder mit Truppen im Irak gewesen.

          Die allmählich erschöpfend anmutenden Aussagen der Polizisten und Analytiker lassen nicht viel übrig von jener „Verschwörungstheorie“, nach der es zwischen den islamistischen Fanatikern und den einheimischen Eta-Terroristen Berührungspunkte gegeben haben musste, im Zweifel bei dem verwendeten Sprengstoff.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.