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Madrid vor zweitem Lockdown : Nichts aus dem Frühjahr gelernt

Corona-Test in Madrid Bild: Reuters

Madrid ist das europäische Epizentrum der Pandemie. Die Zahlen steigen seit Wochen, aber wie riegelt man eine Metropole ab?

          2 Min.

          Der Countdown läuft. In der Nacht zum Samstag sollen die neuen Ausgangssperren für Madrid in Kraft sein. Doch niemand weiß, wie man eine Großstadt abriegelt. Fast sieben Millionen Menschen leben in der Region Madrid, dem europäischen Epizentrum der Corona-Pandemie. Mehr als 17.000 Neuinfektionen wurden in den vergangenen sieben Tagen registriert. Das sind 262 Fälle pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Berlin sind es derzeit 32 Fälle. Schon ab 35 Neuinfektionen (pro 100.000) greifen in Deutschland strengere Regelungen. Die spanischen Infektionszahlen sind zehn Mal so hoch wie in Deutschland. Aber statt schnell durchzugreifen, streiten die Politiker in Spanien seit zwei Wochen darüber, wie sie den gefährlichsten Infektionsherd unter Kontrolle bekommen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am Samstag tritt die neue Verordnung des spanischen Gesundheitsministers Salvador Illa in Kraft, die vorschreibt, die gesamte Hauptstadt sowie neun weitere Orte in der Region unter eine Art Quarantäne zu stellen. Das will die konservative Madrider Regionalregierung jedoch verhindern. Die spanische Linkskoalition wolle mit den Maßnahmen Madrid „zerstören“, wirft die PP-Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso dem sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez vor. Wie der konservative Bürgermeister von Madrid fürchtet sie, dass ein zweiter Lockdown in diesem Jahr der Wirtschaft der spanischen Hauptstadt den Todesstoß versetzen könnte, worunter auch der Rest des Landes stark leiden würde. Madrid sei jedoch nicht „rebellisch“ und werde die neuen Vorschriften umsetzen, bis der Gerichtsentscheid vorliege, kündigte Ayuso an.

          Tagelang hatten die Zentralregierung und die 17 spanischen Regionalregierungen um eine Einigung gerungen. Am Ende gab es eine Mehrheit für die neue Verordnung, gegen die mehrere Regionen – darunter auch Madrid – stimmten. Von diesem Wochenende an sollen gleiche Kriterien für alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohner gelten. Schärfere Maßnahmen sollen ab 500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (innerhalb von 14 Tagen) greifen. Zudem müssen mehr als zehn Prozent der PCR-Tests positiv ausfallen und mehr als 35 Prozent aller Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sein. Große Teile von Madrid liegen weit darüber.

          Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt

          Für viereinhalb Millionen Einwohner bedeutet das, dass sie ihre Viertel nur noch in begründeten Ausnahmefällen verlassen dürfen, zum Beispiel, um zu arbeiten, zu studieren oder Arzttermine wahrzunehmen. Dazu kommen Einschränkungen für Geschäfte, Gastronomie und Gottesdienste. Die geplanten Ausgangsbeschränkungen sind weniger drastisch als der Lockdown im Frühjahr. Aber sie sind schwieriger durchzusetzen. Von März bis Juni galten die strengen Restriktionen im ganzen Land, nun sollen sie nur das größte Ballungsgebiet betreffen. Dorthin pendeln jeden Tag mehr als zwei Millionen Menschen; in Madrid liegt zudem der wichtigste internationale Flughafen Spaniens. Am Freitag konnte niemand sagen, wie die Polizei die neuen Vorschriften mit den unzähligen Sondergenehmigungen durchsetzen wird. Epidemiologen halten es ohnehin für wichtiger, Infektionen frühzeitig zu erkennen, die Kontakte zu identifizieren und die Quarantäne zu überwachen.

          Trotz der verheerenden ersten Corona-Welle, in der Madrid die meisten Toten beklagte, hatte es die Regionalregierung versäumt, im Sommer rechtzeitig Vorsorge zu treffen. Es wurde weder mehr Personal in den Gesundheitszentren eingestellt, die die erste Anlaufstelle für Patienten mit Corona-Verdacht sind, noch genügend Fachkräfte, die die Kontaktketten verfolgen und für die Einhaltung der häuslichen Quarantäne sorgen. Andere Regionen in Spanien haben den jüngsten Anstieg der Fallzahlen viel schneller wieder in den Griff bekommen. Das gilt für Katalonien und besonders für die Kanaren. Dort nähert sich die Fallzahl wieder dem Grenzwert von 50 Neuinfektionen, ab dem das deutsche Robert-Koch-Institut eine Region zum Risikogebiet erklärt. Auf den Atlantikinseln drängt man deshalb schon darauf, die deutsche Reisewarnung bald wieder aufzuheben.

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