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Macron unter Druck : Fußballchaos mit politischem Nachspiel

Französische Polizisten nehmen einen Mann außerhalb des Stadions fest. Bild: Reuters

In der französischen Regierung läuft vor der Parlamentswahl vieles schief. Jetzt hat der Innenminister für das Chaos beim Champions-League-Finale um Entschuldigung gebeten. Wird Macron seine Mehrheit verlieren?

          3 Min.

          Ein Innenminister, der im Senat Entschuldigungen stammelt und eine neue Sportministerin, die twittert, sie wolle „unter dem Druck nicht zusammenbrechen“: In der französischen Regierung läuft knapp zehn Tage vor der ersten Runde der Parlamentswahl nichts rund. Das Chaos am Stade de France beim Champions-League-Finale in Paris beherrscht seit Tagen die öffentliche Debatte. Am Mittwochabend mussten Innenminister Gérald Darmanin und die neue Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra vor dem Rechtsausschuss des Senats Rede und Antwort stehen. Fußballfans, darunter Familien mit Kindern, waren am Stade de France Opfer von Aggressionen, Diebstählen, sexueller Belästigung und Polizeigewalt geworden. Etlichen Fans wurde kein Einlass gewährt, obwohl sie gültige Tickets hatten.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Das Bild, das wir bei diesem Match abgegeben haben, verletzt unseren Nationalstolz“, sagte Innenminister Darmanin im Senat. Das Spiel sei als Fest des Sports geplant gewesen, das gründlich verdorben worden sei. Als Austragungsort war ursprünglich Sankt Petersburg geplant gewesen. Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ließ Präsident Emmanuel Macron seine Beziehungen zur UEFA spielen, um das Finale nach Paris zu verlegen. Es war als Testlauf für die Olympischen Sommerspiele 2024 gedacht, bei denen das Stade de France ein wichtiger Wettbewerbsort sein wird. „Die Regierung hat ihre Inkompetenz vorgeführt, für Ordnung und Sicherheit am Stadion zu sorgen“, urteilte der Olympia-Beauftragte der Hauptstadtregion Ile-de-France, Patrick Karam. Unter diesen Umständen sehe er schwarz für die Sommerspiele.

          Frankreichs Polizei ist für ihr rabiates Vorgehen bekannt

          „Ich möchte mich sehr aufrichtig für diesen Einsatz entschuldigen“, sagte Innenminister Darmanin im Senat. Es sei zu einem „unangemessenen Einsatz von Tränengas durch die Polizei“ gekommen, gestand er ein. Friedliche Fußballfans mit Kindern waren von den überforderten Polizeikräften mit Tränengas besprüht worden. In Frankreich sind die Ordnungshüter für ihr rabiates Vorgehen bekannt. Tränengas zählt anders als in anderen Ländern zu den üblichen Einsatzinstrumenten. Darmanin gab sich jetzt reuig, hat aber in der Vergangenheit verhindert, dass die Einsatzführung der Polizei geändert wird. Er kündigte interne Ermittlungen an.

          Darmanin versprach, dass Besucher aus Spanien und Großbritannien von Montag an in ihrer Heimat Anzeige erstatten könnten. Videoaufnahmen als Beweismaterial sollen von den Betroffenen eingereicht werden können. Auch Sportministerin Oudéa-Castéra äußerte ihr Bedauern über die Abläufe am Stadion. Sie habe die UEFA gebeten, die 2700 britischen Zuschauer, die trotz ihres gültigen Tickets nicht ins Stadion eingelassen worden waren, zügig zu entschädigen. Für das Chaos hatte sie allerdings keine schlüssige Erklärung parat, sondern schob die Schuld auf die kurzfristige Vorbereitung. Man habe erst am 4. Mai „die Identität der Finalisten“ gekannt, sagte sie entschuldigend. Sie behauptete, die Schwierigkeiten seien allein durch die Liverpool-Fans entstanden. Der Präsident des englischen Fußballclubs, der Amerikaner Tom Werner, beschwerte sich in einem Brief über die Behauptungen der Ministerin. „Die Fans wurden wie Vieh behandelt“, klagte Werner. Sie seien von Gangs überfallen worden. Die vorschnellen Behauptungen der Ministerin seien der Wahrheitsfindung nicht dienlich und keine Grundlage für seriöse Ermittlungen.

          Macrons Regierung entgleitet kurz vor der Wahl das Geschehen

          Präsident Macron hat zwischenzeitlich wissen lassen, wie wütend er über das Fiasko sei. Der Vorsprung des Präsidentenlagers schrumpft in den Wahlumfragen. Die Regierung vermittelt den Eindruck, dass ihr das Geschehen entgleitet. Der neue Minister für Solidarität, Damien Abad, steht unter Vergewaltigungsverdacht. Der Lehrermangel ist so groß, dass Bildungsminister Pap Ndiaye Lehrstellen mit Kandidaten besetzt, die bei einem Speed-Dating-Auswahlverfahren ohne qualifizierende Ausbildung ausgewählt wurden. Die neue Gesundheitsministerin Brigitte Bourguignon hat bislang keine Antworten auf die Personalnot in den Krankenhäusern gefunden. In 120 Krankenhäusern ist der Mangel an qualifiziertem Personal in der Notaufnahme so groß, dass die Vereinigung der Rettungsdienste befürchtet, dass in Zukunft lebensrettende Hilfe nicht mehr geleistet werden kann.

          Premierministerin Elisabeth Borne tritt kaum in Erscheinung und wirkt, als warte sie auf Anweisungen des Präsidenten. Die Diplomaten streiken, weil Macron das diplomatische Corps zerschlagen will. Die mit den Betroffenen nicht konzertierte Reform des Staatsdienstes schürt die Unzufriedenheit auch in anderen Bereichen. Laut jüngsten Umfragen könnte das Präsidentenbündnis Ensemble die absolute Mehrheit der Sitze in der Nationalversammlung verfehlen.

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