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Macron zu Corona-Politik : „Ich muss kein Mea Culpa aussprechen“

Im deutsch-französischen Corona-Testzentrum am Grenzübergang Goldene Bremm werden Menschen am 2. März kostenlos getestet Bild: dpa

Die Einstufung Frankreichs als Hochinzidenzgebiet liege allein an deutschen Problemen, sagt Außenminister Le Drian. Dort gebe es eine „Explosion der Pandemie“. Präsident Macron teilt einen Seitenhieb gegen die Kanzlerin aus.

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          Die Einstufung Frankreichs als Hochinzidenzgebiet durch das Robert-Koch-Institut hat der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian seinen Landsleuten am Freitag mit deutschen Schwierigkeiten begründet. „Die Explosion der Pandemie in Deutschland kommt schneller, als sie dachten und deshalb verstärken sie die Tests vor der Einreise nach Deutschland“, sagte Le Drian im Radiosender France Info.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Stichprobenkontrollen im Grenzgebiet würden ausgeweitet. Künftig müssten alle Bürger, die vom französischen Gebiet nach Deutschland einreisten, ein negatives Testergebnis vorweisen, das nicht älter als 48 Stunden ist. Für Grenzgänger wie Schüler, Studenten oder Berufspendler „wird das Probleme schaffen, aber wir haben eine gemeinsame Arbeitsgruppe“, sagte der Außenminister. Es soll eine Sondersitzung des deutsch-französischen Ausschusses für grenzüberschreitende Zusammenarbeit einberufen werden, um die Teststrategie abzustimmen.

          Neue Maßnahmen in Frankreich nötig

          Der französische Präsident hatte zuvor anklingen lassen, wie wenig er von der deutschen Strategie der Schul- und Geschäftsschließungen seit Dezember hielt. Bei einer Pressekonferenz im Elysée-Palast nach Ende des EU-Gipfels am späten Donnerstagabend rechtfertigte Emmanuel Macron seine Entscheidung, Ende Januar trotz der steigenden Infektionszahlen auf einen nationalen Lockdown in Frankreich zu verzichten.

          „Wir haben nicht die angekündigte Explosion der Infektionen erlebt. Ich muss kein Mea Culpa aussprechen“, sagte der Präsident am Donnerstagabend im Elysée-Palast. Das war eine klare Anspielung auf Bundeskanzlerin Merkel. Macron verteidigte sein Vorgehen, insbesondere Schulen und Kindergärten offen zu halten. Er räumte ein, dass „in den nächsten Tagen und Wochen neue Maßnahmen“ nötig werden könnten.

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          In Frankreich wurden in den vergangenen 24 Stunden mehr als 45.000 Neuinfektionen gemeldet. Je Tag starben in der vergangenen Woche im Durchschnitt 247 Menschen an der Viruserkrankung. „Es ist, als würde jeden Tag ein Airbus abstürzen und niemand reagiert“, empörte sich der Arzt François Salachas vom Pariser Krankenhaus Pitié-Salpétrière. Insbesondere die hohe Ansteckungsrate unter Kindern und Jugendlichen beunruhigt viele Ärzte. Der Inzidenzwert unter Schülern zwischen zehn und 19 Jahren ist innerhalb einer Woche im Großraum Paris von 377 auf 673 angestiegen. Die britische Mutante ist inzwischen für mehr als 75 Prozent der Infektionen verantwortlich.

          Bildungsminister Jean-Michel Blanquer argumentiert seit mehreren Monaten, dass die Schulen kein Ansteckungsort seien. Doch neue Zahlen scheinen das zu widerlegen. 3256 Schulklassen mussten diese Woche wegen Coronafällen schließen, das entspricht einem Anstieg von 50 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Der Infektiologe Arnaud Fontanet vom Wissenschaftsrat warnte: „Es ist riskant, die Schulen offen zu halten.“ Er verwies auf eine Studie des Institut Pasteur, wonach das Infektionsrisiko für Eltern von Mittel- und Oberschülern um dreißig Prozent erhöht sei. Die Regionalratspräsidenten der Hauptstadtregion, Valérie Pécresse, hat vorgeschlagen, die Frühlingsferien um zwei Wochen vorzuziehen und nach Ostern beginnen zu lassen.

          „Ich glaube, wir kommen nicht um eine Schulschließung umhin“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Jean-Louis Bourlanges, am Freitag im Fernsehsender France 2. „Wir hätten vor drei Wochen schneller und stärker reagieren müssen, jetzt haben wir eine Notsituation, in der wir die Schulen schließen sollten.“

          Die Epidemiologin Dominique Costagliola beklagte, dass die Ansteckungen im schulischen Milieu monatelang geleugnet worden seien. „Ich bin dafür, die Schulen offen zu halten. Aber dann muss man Schutzmaßnahmen ergreifen, CO2-Messgeräte und Lüftungssysteme anschaffen, aber das kostet Geld“, sagte Costagliola der Zeitung „Libération“. Das Ausmaß der Ansteckungsketten in den Schulen werde erst jetzt bekannt, weil die Testkapazitäten ausgebaut worden seien.

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