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Groß angelegte Studie : So denken die Franzosen über ihr Land

Mit Gelbweste überzogen: Eine französische Flagge weht vor dem Triumphbogen. Bild: dpa

Die französische Gesellschaft ist tief gespalten. Laut einer neuen Studie empfinden fast 80 Prozent die gesellschaftliche Ordnung als ungerecht.

          Die „gelbe“ Revolte in Frankreich flaut ab. Eine Mehrheit der Franzosen sehnt inzwischen ein Ende der Proteste der „Gelbwesten“ herbei. Aber wie steht es nach 16 Protestwochen um Frankreich? Auf diese Frage hat das Institut Montaigne, eine renommierte französische Denkfabrik, jetzt in einer groß anlegten Studie überraschende Antworten gefunden. Das Bild des wütenden, zum Umsturz bereiten Franzosen täuscht. Emmanuel Macrons Landsleute sind zu 73 Prozent „glücklich“, 33 Prozent von ihnen sogar „sehr glücklich“. 66 Prozent sind davon überzeugt, dass es sich bei ihnen gut leben lasse. 67 Prozent geben an, dass sie die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit gefunden haben.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das private Glücksempfinden steht jedoch im harschen Kontrast zum Pessimismus, den die Franzosen mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung hegen. 78 Prozent empfinden die gesellschaftliche Ordnung als „ungerecht“. 43 Prozent haben den Eindruck, dass ihre persönliche Lage sich verschlechtert hat, bei den Rentnern sind es sogar 60 Prozent. Fast die Hälfte (49 Prozent) gibt an, am Ende des Monats kein Geld mehr auf dem Konto zu haben. Für Laurent Bigorgne, den Direktor des Institut Montaigne, zeugt dies von der wachsenden Ungeduld in der Bevölkerung angesichts kaum spürbarer Ergebnisse der Reformpolitik Macrons. Die Kernforderungen der „Gelbwesten“ nach mehr Steuergerechtigkeit blieben aktuell, sagt Bigorgne im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Viele Franzosen stehen „auf der Kippe“

          Die Studie, für die das Meinungsforschungsinstitut Elabe 10.100 Franzosen aus allen Landesteilen befragte, legt ein „zerstückeltes Frankreich“ („Une France en morceaux“) offen. So lassen sich vier Gruppen von Bürgern unterscheiden. Am zufriedensten sind die Globalisierungsgewinner (21 Prozent), die wie „Befreite“ (les affranchis) von der grenzenlosen Mobilität profitierten sowie die 22 Prozent „Verwurzelten“ (les enracinés), die in ihrer Heimat ein auskömmliches Leben führten. Etwa 25 Prozent der Franzosen hingegen leben laut der Studie in ihnen zugewiesenen Bahnen („les assignés“), aus denen sie aufgrund mangelnder Bildungschancen nicht ausbrechen können. 32 Prozent stehen „auf der Kippe“ („sur le fil“). In dieser Gruppe überwiegen diejenigen, die von sozialem Aufstieg träumen, aber an den verkrusteten Strukturen in Frankreich verzweifeln. Aus ihnen speist sich größtenteils die „Gelbwesten“-Protestbewegung.

          Die Studie zeigt auf, dass die Bruchlinien nicht so wie vom einflussreichen Geographen Christophe Guilluy behauptet zwischen Stadt und Land, Metropole und Peripherie, verlaufen. „Die Geographie ist viel weniger entscheidend als die soziale Frage“, sagt Bigorgne. Die Menschen „auf der Kippe“ ließen sich überall in Frankreich finden, auch in den Metropolen. „Ihr Anliegen ist legitim. Sie fordern, dass die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten wieder verbessert werden“, sagt Bigorgne. Mit der „Gelbwesten“-Krise habe sich die Lesart festgesetzt, dass die französischen Eliten das Volk verraten hätten.

          Diese These, die von rechtsnationalen Denkern wie Patrick Buisson oder Eric Zemmour verbreitet werde, müsse nuanciert werden. Frankreich erlebe trotz eines Systems der steuerlichen Umverteilung eine ähnliche Polarisierung des Arbeitsmarktes wie die Vereinigten Staaten. Ein Teil der Franzosen zählten zu den Abgehängten, die vom internationalen Wettbewerb nicht profitierten und deren Lebenssituation sich verschlechtere. „Dieses Phänomen nährt die große Unzufriedenheit im Land“, sagt Bigorgne. Hinzu komme, dass die wechselnden Regierungen es nicht vermocht hätten, die Steuer- und Abgabenlast zu senken. „Die Steuern lasten überproportional auf der Mittelschicht“, sagt Bigorgne. Dies führe dazu, dass die Steuern inzwischen von jedem dritten Franzosen (36 Prozent) grundsätzlich in Frage gestellt werden. Das ausgedehnte System der Umverteilung sei Teil des Problems.

          Flucht in den Nationalstaat

          Die sozialen Transferleistungen würden auf Kosten derjenigen ermöglicht, die arbeiten. „Deshalb ist ein doppeltes Ressentiment entstanden“, sagt Bigorgne. Nicht nur Steuererleichterungen für die Reichen sorgten für Unmut, sondern auch die ausufernden Sozialleistungen, die kaum Anreize zur Wiederaufnahme einer Beschäftigung schafften. „Hier besteht weiterhin großer politischer Handlungsbedarf“, sagt Bigorgne.

          Kurz vor den Europawahlen suchen die meisten Franzosen mehr denn je Rückhalt im Nationalstaat. 73 Prozent geben an, an ihrem Nationalstaat zu hängen, nur 34 Prozent an der EU. Bigorgne glaubt, dass das auch auf die imperiale Tradition Frankreichs zurückzuführen ist. Das Land blicke auf eine glorreiche Geschichte zurück, während die historischen Leistungen der EU kaum Erwähnung fänden. „Wir erleben eine Periode, in der an der EU gezweifelt wird. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass sich viele Bürger nicht über die Vorteile der EU im Klaren sind“, sagt Bigorgne.

          Die Flüchtlingskrise hat die Europaskepsis gestärkt. 51 Prozent der Befragten zweifeln die Nützlichkeit der EU an, weil sie aus ihrer Sicht bei der Kontrolle der Einwanderungsströme versagt. 47 Prozent haben den Eindruck, dass die EU nicht vor den negativen Folgen der Globalisierung schützt. 40 Prozent bemängeln, dass die EU ihnen in ihrer Heimatregion keinerlei Vorteile verschafft. „Auch wenn Frankreich anders als Deutschland 2015 nicht eine Million Flüchtlinge aufgenommen habe, ist die Wahrnehmung der EU von der Flüchtlingskrise betroffen gewesen“, sagt Bigorgne. In Frankreich habe die öffentliche Meinung zudem dem Sicherheitsaspekt des unkontrollierten Zustroms große Aufmerksamkeit geschenkt. So sei nicht vergessen worden, dass ein Teil der Terroristen der Pariser Anschläge im November 2015 die Flüchtlingswelle ausnutzte, um unerkannt in die EU einzureisen, erklärt Bigorgne.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, es seien für die Studie eintausend Franzosen befragt worden. Das ist nicht korrekt, es waren 10.100. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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