https://www.faz.net/-gpf-9jhru

Krise mit den „Gelbwesten“ : Schmisse im Fleisch des Präsidenten

  • -Aktualisiert am

Ungewohntes Bild: Macron wird in Evry-Courcouronnes freudig empfangen. Bild: AP

Bei einem Treffen diskutiert Emmanuel Macron mit Bürgermeistern und ehrenamtlichen Helfern aus der Banlieue. Sie fühlen sich vom Staat verlassen – und schildern die Gründe für ihren Vertrauensverlust.

          4 Min.

          Kurz nach 20 Uhr zieht Emmanuel Macron die Anzugjacke aus und krempelt die Ärmel seines weißen Hemdes hoch. Seit gut zweieinhalb Stunden sitzt der Präsident auf einem Plastikstuhl in einer Mehrzweckhalle, die Luft ist stickig und die Stimmung aufgeheizt. Er schaue im Elysée-Palast nur „von oben herab“ auf die Banlieue, wirft ihm die Bürgermeisterin der Vorstadt Gentilly vor. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gibt es für uns nicht“, sagt der Bürgermeister von Grigny. Er überreicht dem Präsidenten ein Buch über die Banlieue mit dem Titel „Die Verlassenen“ und sagt: „Wir fühlen uns vom Staat verlassen.“ Ein ehrenamtlicher Vereinsvorsitzender bezweifelt, dass der Austausch mit dem Präsidenten etwas ändern wird. „Die Elite ist unberührbar“, sagt er.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die etwa 300 ehrenamtlichen Vereinshelfer und Bürgermeister aus dem Armutsgürtel um die Hauptstadt Paris im Saal haben keine gelben Westen dabei, aber ihre Wut auf die Staatsführung in Paris ist nicht minder groß. Je länger der junge Präsident durch sein Land tourt, umso offensichtlicher wird die tiefe politische Vertrauenskrise in Frankreich. Der Austausch in der Vorstadt Evry-Courcouronnes im Süden der Hauptstadt bildet für Macron die fünfte Etappe seiner Tournee anlässlich der „nationalen Debatte“, die er Mitte Januar angestoßen hat. Auf die Idee, seine Landsleute in einer „großen nationalen Debatte“ über Steuergerechtigkeit, politische Teilhabe, Energiewende und Staatsumbau diskutieren zu lassen, kam der bedrängte Präsident zum Jahreswechsel. Es stellt ein demokratisches Experiment mit ungewissem Ausgang dar. Marine Le Pen kritisierte sofort, es handele sich nur um ein riesiges Kommunikationsmanöver. Wortführer der „Gelbwesten“ weigerten sich, dabei mitzumachen. Doch nach knapp einem Monat ist schon eines gewiss: Überall im Land werden Debatten organisiert, von Vereinen, Bürgermeistern oder Privatleuten. Die Veranstaltungen können auf der Internet-Seite (www.granddebat.fr) eingesehen werden, zudem werden dort Debattenbeiträge gesammelt. Mehr als eine halbe Million Vorschläge sind eingegangen. Die Direktübertragungen der Debatten mit dem Präsidenten haben sich als Zuschauermagneten erwiesen. Die Franzosen bleiben ein streitbares, diskutierfreudiges Volk. Macron aber hat viel von der Aura des Rockstars eingebüßt, die ihn bei seinen Wahlkampfauftritten begleitete. Als er in Evry-Courcouronnes den Saal betritt, wird nicht geklatscht, es herrscht eisige, fast feindselige Stille. Anders als noch bei den Europa-Debatten hat der Präsident kein Stehpult, seine Stellung ist nicht länger erhöht. Er beteuert, dass ihn die vergangenen Monate „demütig“ gemacht hätten.

          Einem kleinen Kreis von Journalisten vertraute er zuvor an, die Krise mit den „Gelbwesten“ habe sich ihm „wie Schmisse irreversibel ins Fleisch geschrieben“. Er wolle „Ihren Teil der Wahrheit“ hören, sagt Macron zum Auftakt dem Publikum und zeigt sich dann tatsächlich als aufmerksamer Zuhörer. Auf seinem Oberschenkel hat er eine Sammlung loser Zettel liegen, auf denen er beflissen Notizen aufschreibt.

          Nur aus der Verantwortung gezogen?

          Gerade in der Banlieue hatten viele ihre Hoffnungen auf den Kandidaten Macron gesetzt, der ihnen eine selbstbestimmte Zukunft ohne staatlich geförderte Beschäftigungsprogramme verhieß. Hunderte von Vereinsvorsitzenden und örtlichen Mandatsträgern beteiligten sich an der Ausarbeitung des großen Plans für die Banlieue, die Macron dem früheren Arbeitsminister Jean-Louis Borloo anvertraut hatte. Der Mann mit dem wilden Lockenschopf, ein früherer Staranwalt für Konkursrecht und Firmensanierungen, flößte aufgrund seines unkonventionellen Stils Vertrauen ein. Doch die Vorstellung des Borloo-Plans im Elysée-Palast am 22. Mai 2018 kam für die meisten Beteiligten einer „kalten Dusche“ gleich, wie einer der Bürgermeister in Evry-Courcouronnes berichtete. Macron sagte damals, er halte nichts von dem Vorgehen, „dass sich zwei weiße Männer auf einen Plan verständigen“. Er plädierte dafür, die Methode zu ändern – aber für die Betroffenen schien es, als wolle Macron sich nur aus der Verantwortung stehlen.

          Weitere Themen

          Der Marathon des Wiederaufbaus

          Gemeinden im Ahrtal : Der Marathon des Wiederaufbaus

          Finanzminister Scholz will keinen Sonderbeauftragten für die Flutgebiete einsetzen. Die betroffenen Bürgermeister bitten ihn nun inständig darum. „Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein“, sagen sie.

          Topmeldungen

          Lionel Messi war im Jahr 2000 nach Barcelona gekommen – nun verlässt er den Klub.

          Messi verlässt Spanien : Der große Knall

          Der argentinische Superstar verlässt den FC Barcelona, für den er mehr als zwei Jahrzehnte gespielt hat. In Spanien wird nun darüber spekuliert, wohin es Lionel Messi ziehen könnte.

          Waldbrände in der Türkei : Erdogan kennt die Schuldigen

          Die Türkei, sagt Staatspräsident Erdogan, kämpfe gegen die schlimmsten Waldbrände ihrer Geschichte. Kritik an seiner Regierung weist er zurück – und greift an.
          Der Impfschutz kann nach einigen Monaten nachlassen.

          Auffrischungsimpfungen : So wollen die Länder den Corona-Booster zünden

          Weil unklar ist, wie lange sich Geimpfte vor Corona in Sicherheit wiegen können, gibt es bald die dritte Spritze. Impfteams schwärmen wieder aus, die Arztpraxen übernehmen den Rest – doch wie genau soll die dritte Impf-Welle anrollen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.