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Rede zum 200. Todestag : Macron porträtiert Napoleon als Gestalt voller Widersprüche

Am Grabmal Napoleons: Emmanuel Macron am 5. Mai im Invalidendom Bild: dpa

Erstmals seit 1969 würdigt ein französischer Präsident den Korsen – mit seinen Licht- und mit seinen Schattenseiten. Marine Le Pen zeigt sich empört. Sie spricht von einem „ethischen Waterloo.“

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          Licht und Schatten liegen nah beieinander, als der französische Präsident am Mittwoch den vor genau 200 Jahren gestorbenen Napoleon Bonaparte würdigt. Besonders auf die Verurteilung des Kriegsherrn und Sklaverei-Befürworters hatten viele gewartet. Napoleon habe „den Geist der Aufklärung“ verraten, als er 1802 die Sklaverei in den Kolonien wieder genehmigte, ging Macron mit ihm zu Gericht.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Seit Wochen protestiert die Linke, dass Macron es wage, Napoleon zu gedenken. Die Bewegung „Black lives matter“ ist aus den USA nach Frankreich übergeschwappt und mit ihr die Cancel Culture. Aber Macron will sich den Blick auf Napoleon nicht verbieten lassen. Ihm gehe es um ein „aufgeklärtes Gedenken“, sagt er. Der Präsident porträtiert den Kaiser der Franzosen als Gestalt voller Widersprüche, ohne den die Franzosen ihre eigene Geschichte nicht verstehen könnten. Über den Kriegsherrn, den die Feudalherrscher in ganz Europa fürchteten, urteilt er scharf. „Napoleon hat sich bei seinen Eroberungen nie um menschliche Verluste gekümmert". Die heutige Politik stelle dagegen „das menschliche Leben über alles", betonte er unter Verweis auf die Corona-Pandemie.

          Zugleich würdigte er den Staatsmann und Reformer, dem Frankreich wichtige Grundlagen vom Zivilgesetzbuch, über die französische Notenbank bis zu den militärischen Feuerwehreinheiten verdanke. Den Oberschülern, die ihm im Institut de France zuhörten, stellte er das Lycée (Gymnasium) als Napoleons Werk vor, ebenso wie „die Universität, wie wir sie kennen“ und die Elitehochschulen. Macron ließ auch seinen Blick über Paris schweifen, dessen Stadtbild ohne Napoleon ein anderes wäre. Er zitierte die Rue de Rivoli, die Madeleine-Kirche, den Vendome-Platz und den Triumphbogen, dessen Vollendung Napoleon nicht mehr sah.

          Im Anschluss an seine Rede zog der Präsident zum Invalidendom und legte einen Kranz an Napoleons Grabmal nieder. Es war das erste Mal seit 1969, als der damalige Präsident Georges Pompidou den 200. Geburtstag des Korsen würdigte, der erst noch Französisch lernen musste, als er ein Stipendium für eine Militärschule auf dem Festland erhielt. Pompidou war damals wesentlich überschwänglicher gewesen und hatte in Bonapartes Geburtsstadt Ajaccio „das Genie Napoleon“ gefeiert, das „unsere Geschichte geprägt und die Zukunft Europas vorbestimmte“. Doch in den vergangenen Jahrzehnten war der Kaiser ähnlich wie die Nationalheldin Jeanne d’Arc immer mehr der extremen Rechten „überlassen“ worden. Gegen diese Vereinnahmung versucht sich Macron, der auch die heilige Jungfrau Johanna würdigte, zur Wehr zu setzen.

          Das wiederum ärgert Marine Le Pen, die in einer Videoaufzeichnung am Mittwoch Napoleon glorifizierte. Der Kaiser sei eine „unsterblich gewordene französische Legende", sagte Le Pen. Alle Versuche, Napoleons Verdienste nachträglich zu schmälern, kämen „ethischen Waterloos" gleich, sagte sie in der mit dramatischer Musik unterlegten Aufzeichnung. Während seiner „ebenso kurzen wie brillanten Herrschaft" habe Bonaparte Europa zwischen 1799 und 1815 eine „Botschaft der Freiheit" gebracht und in dem Willen gehandelt, „Frieden zu stiften". Le Pen berief sich dabei auf den deutschen Philosophen Georg Friedrich Hegel, der während der Besetzung Jenas über Napoleon schrieb, es sei nicht möglich, „diese Weltseele“, „auf einem Pferde sitzend“  „nicht zu bewundern“. 

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