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Macrons Besuch im Libanon : Von Reue fehlt bislang jede Spur

Das explosive Ammoniumnitrat lagerte seit sieben Jahren im Hafen von Beirut. Bild: EPA

In Beirut wird Emmanuel Macron wie ein Heilsbringer empfangen. Frankreichs Präsident verspricht Hilfe – und mahnt Reformen an. Doch nichts deutet darauf hin, dass in der Politik des Libanon eine neue Ära beginnt. Am Abend werden 16 Hafenmitarbeiter festgenommen.

          4 Min.

          Als Emmanuel Macron am Donnerstag den Stadtteil Gemmayze besucht, um sich einen Eindruck von den Zerstörungen in Beirut zu verschaffen, erhält er auch gleich einen Einblick in das Seelenleben der Libanesen. Fast wie ein Heilsbringer wird Macron von manchen empfangen. Einem Mann der libanesischen Rettungskräfte mit rotem Helm und Schutzanzug stehen die Tränen in den Augen: „Der Libanon ist dein Sohn“, sagt er zum Präsidenten, als der mit Schutzmaske in blauem Anzug und Krawatte durch ein Trümmerfeld schreitet. Macron stupst ihn mit der Faust an. „Wir lassen euch nicht fallen“, gibt er zurück.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Aber auch die Wut ist mit den Händen zu greifen. Eine dichtgedrängte Menschenmenge umschließt den französischen Präsidenten, der mühsam vorankommt. „Das Volk will den Sturz des Regimes“, rufen die Demonstranten. Und sie verwünschen das eigene Staatsoberhaupt: „Michel Aoun ist ein Terrorist.“ Er, Macron, könne den Schmerz und die Traurigkeit von ihren Gesichtern ablesen, versichert der französische Staatschef den Menschen. „Darum bin ich hier.“

          Warnungen über einsturzgefährdete Häuser gehen um

          Nahezu jedem, den Macron hier anspricht, gilt die Katastrophe im Hafen als ein weiterer Beweis dafür, wie gleichgültig und verkommen das Kartell der Oligarchen und alten Warlords ist, die den Libanon fest im Griff halten. Den zweiten Tag schaffen die Leute jetzt Trümmer fort, flicken Fenster und Türen. Rettungsteams graben noch immer in den Trümmern nach Verletzten.

          Die Gefahr ist noch nicht vorbei. In Beirut gehen neue Warnungen um: Hochhäuser und Hochstraßen sind einsturzgefährdet. Im Internet kursieren Bilder eines vielstöckigen Baus im Viertel Achrafieh, der sich dem Nachbarhochhaus zuneigt.

          Von der Explosion beschädigte Hochhäuser in Beirut am 6. August
          Von der Explosion beschädigte Hochhäuser in Beirut am 6. August : Bild: Reuters

          Viele Libanesen begrüßen den Besuch des Franzosen, weil er schon bei seiner Ankunft am Flughafen eine wichtige Unterscheidung getroffen hat: Frankreich wolle den Libanesen helfen, nicht ihrer politischen Klasse. Die Katastrophenhilfe müsse „dem libanesischen Volk“ zugute kommen, sagte er. „Wir werden die Sache so organisieren, dass die Hilfe vor Ort ankommt.“

          Den Politikern, die Macron traf, schrieb er „in einem Dialog der Wahrheit“ ins Stammbuch, dass sich der Libanon ändern müsse. Es handele sich um eine moralische, politische, ökonomische und finanzielle Krise“ historischen Ausmaßes, dessen erstes Opfer das libanesische Volk ist“, sagte Macron. Die Krise „bringt die Verantwortung der amtierenden Führung mit sich“.

          Im Präsidentenpalast sagte er seinem Amtskollegen Michel Aoun nach Angaben des Elysée-Palastes, dass es jetzt um schnelle Hilfe gehe. Um diese zu organisieren, kündigte Macron eine baldige internationale Hilfskonferenz an, auf der die Versorgung mit Medikamenten und Nahrungsmitteln sowie medizinische Behandlung sichergestellt werden soll. Allerdings dürften auch Strukturreformen nicht warten. Dazu gehöre „der Kampf gegen die Korruption sowie Reformen im Energiesektor, bei der Stromversorgung, im Bankensystem und allgemein bei öffentlichen Ausschreibungen“. Ein Hilfsprogramm durch den Internationalen Währungsfonds müsste in Gang gebracht werden, und die 2018 bei einer Konferenz in Paris versprochenen Wirtschaftsreformen seien endlich umzusetzen, forderte Macron.

          Eine Menschenmenge drängt sich um Emmanuel Macron bei dessen Besuch in dem Beiruter Stadtviertel Gemmayzeh am 6. August.
          Eine Menschenmenge drängt sich um Emmanuel Macron bei dessen Besuch in dem Beiruter Stadtviertel Gemmayzeh am 6. August. : Bild: AFP

          Als der Franzose den Wunsch äußert, die Explosion möge den Start einer „neuen Ära“ markieren, hat er jedoch womöglich die Hoffnungslosigkeit übersehen, die den ihm zujubelnden Leuten in Beirut ebenfalls ins Gesicht geschrieben steht. „Schön, dass die Ausländer mit Geld helfen wollen“, sagt Roger, der ein paar Ecken weiter den Laden seines Schwagers, eines älteren Herrn, aufräumt. „Aber sie werden auch dieses Geld wieder stehlen.“

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