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Beschwerde bei „New York Times“ : Wenn der Präsident persönlich anruft

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron greift am 10. November zum Telefon, um Joe Biden zum Wahlsieg zu gratulieren. Bei anderer Gelegenheit rief er jüngst keinen Staatschef, sondern einen Journalisten an. Bild: Reuters

Emmanuel Macron ist verstört darüber, wie in Teilen der englischsprachigen Presse Frankreichs Kampf gegen islamistischen Separatismus kommentiert wird. Also rief der Präsident kurzerhand bei der „New York Times“ an.

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          Die Geschichte klang so, als wolle der umtriebige französische Präsident nebenbei in die Rolle des Chefredakteurs der „New York Times“ schlüpfen. „Am Donnerstagnachmittag hat mich also der französische Präsident Emmanuel Macron aus seinem goldverzierten Büro im Elysée-Palast angerufen, um mir eine Klage zu unterbreiten“, schrieb Ben Smith, der für die amerikanische Tageszeitung die Rubrik Medien betreut.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Es hörte sich so an, als sei es der normalste Vorgang der Welt, dass der Präsident der nuklearen Vetomacht Frankreich mal eben in der Redaktion einer unabhängigen Tageszeitung im Ausland anruft, um sich über die Berichterstattung zu beklagen. „Als Frankreich vor fünf Jahren angegriffen wurde, haben uns alle Nationen unterstützt“, sagte Macron seinem Gesprächspartner. Nach den jüngsten Terroranschlägen, der Enthauptung eines Geschichtslehrers vor seiner Schule und der Ermordung von drei wehrlosen Christen in einer Kirche, sei die Reaktion aber ganz anders gewesen, beschwerte sich Macron.

          Tatsächlich hatte es vom türkischen Präsidenten Boykottaufrufe und vereinzelt anti-französische Proteste wie in Pakistan oder Bangladesch gegeben. Aber auch englischsprachige Medien übten Kritik. „Macrons Krieg gegen den islamischen Separatismus spaltet Frankreich nur noch weiter“, schrieb die „Financial Times“ und die „Washington Post“ bemängelte: „Statt den systemischen Rassismus zu bekämpfen, will Frankreich den Islam reformieren.“ Die „New York Times“ fragte in einem Meinungsbeitrag: „Heizt Frankreich mit seiner Präventionsstrategie nicht den muslimischen Terrorismus an?“

          Der „Financial Times“ schrieb Macron einen Brief

          Der junge Präsident, der sich jeden Morgen eine Presseschau der wichtigsten englischsprachigen Titel zusammenstellen lässt, hat die Kritik an seinem Vorgehen mit anschwellendem Ärger aufgenommen.  Bereits am 5. November schrieb er unter der Überschrift „Frankreich ist gegen islamistischen Separatismus, niemals gegen den Islam“ einen „Brief“ an die „Financial Times“.

          „263 Menschen, Polizisten, Soldaten, Lehrer, Journalisten, Karikaturisten, gewöhnliche Bürger sind in unserem Land ermordet worden“, schrieb er darin. Radikale Islamisten hätten Frankreich den Krieg erklärt. Ihre Ideologie breite sich immer mehr aus. „Besuchen Sie mal die Viertel, in denen drei oder vier Jahre alte Mädchen einen Ganzkörperschleier tragen müssen und getrennt von den Jungen und dem Rest der Gesellschaft im Hass auf Frankreichs Werte aufwachsen“, schrieb er. „Wir sagen: Nicht in unserem Land!“, betonte Macron.

          Die „Financial Times“ löschte daraufhin den Artikel der Korrespondentin, die Macrons Umgang mit dem Islam kritisiert hatte. Die Internetzeitung Politico entfernte ohne Intervention des Elysée einen Beitrag des französischen Islamforschers Farhad Khosrokhavar, der in dem übertriebenen Streben nach „Laicité“ den Nährboden für islamistische Anschläge ausgemacht hatte.

          Das Narrativ von den gleichen Bildungschancen

          Was die Laizität betrifft, so sieht Frankreich sich unverstanden, seit es 2004 im Namen der Trennung von Religion und Staat religiöse Zeichen wie das muslimische Kopftuch in den Klassenzimmern der staatlichen Schulen verboten hat. Schon damals gab es Empörung in der islamischen Welt, aber auch in Amerika darüber, wie Frankreich die Religionsfreiheit einschränke. Wechselnde Regierungen in Paris jedoch argumentierten, dass die Schule ein neutraler Raum sein müsse, um allen Schülern unabhängig von Herkunft und Religion die gleichen Bildungschancen zu bieten.

          Nur schenken auch viele Bürger dem Narrativ von den gleichen Bildungschancen keinen Glauben mehr, weil die Kluft zwischen Ideal und Realität immer größer geworden ist. Macron aber will um jeden Preis an dem Ideal festhalten. Seine Ernüchterung über die Wahrnehmung Frankreichs in Teilen der englischsprachigen Presse ist nicht gespielt. Ihn verstört es zutiefst, dass die Terrorismus-Debatte nicht im Namen der Opfer, sondern der Täter geführt wird.

          „Wenn etliche Journalisten aus Ländern (…), die unsere Werte teilen, die Gewalt legitimieren und sagen, dass das Herz des Problems ist, dass Frankreich rassistisch und islamophob ist, dann sind grundsätzliche Prinzipien verloren gegangen“, zitiert ihn Smith. Der wiederum empörte sich darüber, dass der Präsident Journalisten vorhalte, Gewalt zu legitimieren.

          Dem gegenseitigen Verständnis war das Telefonat offensichtlich nicht zuträglich, zumal der Elysée-Palast die Kulissen des Gesprächs enthüllt hat. So hat Macron keinesfalls spontan zum Hörer gegriffen, sondern erst auf mehrmaliges Bitten seiner Kommunikationsbeauftragten. Diese hatte zuvor in einem mehr als einstündigen Gespräch mit dem Journalisten versucht, die französischen Argumente zu Gehör zu bringen. „Wenn Sie irgendeine Frage zu Frankreich haben, rufen Sie mich an“, soll Macron das Telefonat beendet haben. „Ich lese Ihre Zeitungen“, schloss er.

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