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Nationalfeiertag in Frankreich : Eine Feier zu Ehren besonderer Helden

Am Nationalfeiertag dankt Frankreichs Regierung denen, die das Land am Laufen gehalten haben. Bild: Reuters

Am Nationalfeiertag dankt Frankreichs Regierung denen, die das Land in der Corona-Krise am Laufen gehalten haben. Auch Gäste aus Deutschland sind angereist – unter ihnen der Pariser Wunschkandidat für die Nachfolge der Bundeskanzlerin.

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          Als der Armeechor die „Marseillaise“ anstimmt, fährt die Kamera über die Gesichter der Krankenschwestern, Ärzte, Sanitäter und Pfleger, die in weißen Kitteln vor der Präsidententribüne Stellung bezogen haben. Sie blicken ergriffen und ernst, einer blonden Krankenschwester schießen Tränen aus den Augenwinkeln. Minutenlang klatschen Präsident, Minister, hohe Gäste und Würdenträger und spenden ihnen Beifall. Im Blau-Weiß-Rot der Nationalflagge, die Soldaten aufspannen, ist der weiße Streifen eigens breiter gesetzt worden, um den Helfern in Weiß für ihren Einsatz zu danken.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Frankreich hat am Nationalfeiertag die „Helden der Corona-Krise“ geehrt und der traditionellen Militärparade damit ein ganz besonderes Antlitz verliehen. Auf den Zuschauertribünen saßen Kassiererinnen und Paketboten, Müllwerker und Lehrerinnen, „die Leute, die unser Land am Laufen gehalten haben“, wie Präsident Emmanuel Macron später in seinem Fernsehinterview erwähnt. Zu den „Helden“, die Frankreich bei dieser außergewöhnlichen Zeremonie besonders würdigt, zählen auch die deutschen Ärzte und Krankenpfleger, die 130 französische Covid-19-Patienten gerettet haben. Die Behandlungskosten wurden den schwer erkrankten Franzosen nicht in Rechnung gestellt.

          Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat als Ehrengast den Dank dafür entgegengenommen. Aber er ist nicht allein angereist. Im Zuge der Epidemie hat der französische Präsident die Stärke des deutschen Föderalismus entdeckt, der ein abgestuftes Vorgehen zuließ, während Frankreich nach den Worten Macrons die „radikalste und härteste, aber auch simpelste Maßnahme“, einen totalen Lockdown des ganzen Landes, wählte. Das dürfe nie wieder geschehen, betont der Präsident. Deshalb hat er seine neue Regierungsmannschaft unter Premierminister Jean Castex angehalten, sich vom deutschen Vorbild inspirieren zu lassen. Zudem drang er darauf, dass die Ministerpräsidenten mehrerer Bundesländer zum Ehrentag nach Paris eingeladen werden.

          Laschet ist der Wunschkandidat

          Das ist eine für französische Staatschefs ungewöhnliche Geste, die Armin Laschet (CDU), Volker Bouffier (CDU) und Tobias Hans (CDU) zu schätzen wussten und auf der Ehrentribüne am Place de la Concorde Platz nahmen. Besonders Laschet, der als deutsch-französischer Kulturbeauftragter in Paris wohlbekannt ist, stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Präsident Macron ließ seine Vertrauten, Bildungsminister Jean-Michel Blanquer und Finanzminister Bruno Le Maire, in Einzelbegegnungen mit Laschet Zukunftspläne schmieden. In Paris wird der Aachener, ganz im Geist des Aachener Vertrages, schon als Wunschkandidat für die Nachfolge der Bundeskanzlerin gehandelt.

          Aber auch im militärischen Teil der Zeremonie, bei der auf das Defilee über die Champs-Elysées verzichtet worden war, kam Deutschland nicht zu kurz. So donnerte ein Transportflugzeug A400M der Bundeswehr über die Zuschauer hinweg, um daran zu erinnern, dass eine für medizinische Notfälle ausgerüstete Maschine einen Krankentransport von Frankreich nach Deutschland gewährleistet hatte. Dank einer Ausnahmeregelung durfte zudem ein Offizier der Luftwaffe mit dem Säbel seiner französischen Kameraden mitmarschieren. Auch Kadetten der deutsch-französischen Fliegerschule in Salon-de-Provence sowie ein Marineoffizier waren beim Defilee auf dem Place de la Concorde dabei. Die Hauptrolle aber hatte das medizinische Personal, vor dem sich das Militär symbolisch verneigte.

          „Eine engagierte, vereinte und solidarische Nation“, das Motto des diesjährigen Nationalfeiertages, schien bei der Feier erfüllt. Doch die Illusion eines geeinten Landes währte nicht lange. Beim Fernsehgespräch gestand Präsident Macron ein, dass ihm viel Feindseligkeit entgegenschlage. Er gestand „Ungeschicklichkeiten“ und „Fehler“ ein. „Ich habe das Gefühl erweckt, dass ich gegen sie reformierte und dass das nicht gerecht war“, sagte Macron. Mit der neuen Regierungsmannschaft wolle er die Methode ändern.

          Macron will sich für die Zukunft der Jugend einsetzen

          „Unser Land erlebt eine Vertrauenskrise“, betonte er. „Wir zweifeln ständig an unserem Land.“ Es sei ihm nicht gelungen, wieder mehr Vertrauen zu schaffen. Streifenpolizisten sollen künftig mobile Kameras mitführen und diese bei Identitätskontrollen anschalten müssen. Damit solle das Vertrauen in die Ordnungshüter zurückgewonnen werden. Die Demonstrationen von Feministinnen gegen den neuen Innenminister, gegen den wegen Vergewaltigung ermittelt wird, verurteilte Macron. Das „Gericht der Straße“ könne er genauso wenig akzeptieren wie das der sozialen Netzwerke.

          Der Präsident betonte, dass er mit harten Zeiten rechne und einen Anstieg der Arbeitslosenzahl „zwischen 800.000 und eine Million“ bis zum kommenden Frühjahr für möglich halte. Ihm sei es wichtig, die Jugend nicht zu opfern. So plant er 300.000 sogenannte Eingliederungsverträge, die Schulabgängern eine berufliche Ausbildung garantieren. Die Zahl an Zivildienstplätzen soll auf 100.000 aufgestockt werden. An den Universitäten und Hochschulen sind zudem 200.000 neue berufsqualifizierende Studienplätze geplant. Die Schulen sollen nach den Sommerferien eine „fast normale“ Rückkehr aller Kinder in den Unterricht organisieren.

          Macron sprach sich dafür aus, zum 1. August eine allgemeine Maskenpflicht in allen öffentlichen Innenräumen zu verhängen. Die Epidemie sei noch nicht zu Ende. Er plane nicht, das vom Marseiller Arzt Didier Raoult empfohlene Malariamittel Chloroquin einzunehmen. „Wir sind das Land der Aufklärung, ich glaube an die Rationalität“, sagte er.

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