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Venezuela : Ein Land am Abgrund

  • -Aktualisiert am

Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Bild: AFP

Nach der Herrschaft der Kleptokraten Chavéz und Maduro treten die Gegner des bisherigen Präsidenten endlich einig auf. Doch der Diktator wird kaum kampflos weichen. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Nicolás Maduro und sein Vorgänger Hugo Chávez haben Venezuela zugrunde gerichtet. Nur in einem waren sie zwei Jahrzehnte lang erfolgreich: in der Spaltung der Opposition. Deshalb wirkt es wie ein kleines Wunder, dass sich ein gerade einmal 35 Jahre alter, charismatischer Demokrat vor Zigtausenden Bürgern in Caracas zum Übergangspräsidenten ausrufen konnte und maßgebliche Staaten ihn binnen Stunden als legitimen Staatschef anerkannt haben. Bis dieser Juan Guaidó vor knapp drei Wochen zum Vorsitzenden der vom Diktator entmachteten Nationalversammlung gewählt wurde, hatten die wenigsten Venezolaner auch nur seinen Namen gekannt.

          Dass ein nahezu Unbekannter mit einem solchen Paukenschlag auf die politische Bühne des Landes stürmt, hat das Land zuletzt beim gescheiterten Putschversuch von Oberstleutnant Hugo Chávez im Jahr 1992 erlebt. Der Staatsstreich brach damals schnell zusammen, aber das Volk merkte sich den Namen des vermeintlichen Erlösers. Viele Leute trauten es Chávez zu, Venezuela aus dem Griff der korrupten Regierung und der „Oligarchen“ zu befreien, damit endlich die ganze Bevölkerung vom Reichtum des Landes profitieren werde. So wie jetzt Millionen von Venezolanern hoffen, dass Guaidó sie aus dem Elend führe, welches die neuen Kleptokraten im Gewande eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ nur verschlimmert haben.

          Es droht neue Gewalt

          Gut stehen die Aussichten nicht. Es droht neue Gewalt. Guaidós Appelle an das Militär, Maduros Herrschaft als illegitim zu erkennen, mag bei einfachen Soldaten verfangen: Viele von ihnen sind nicht viel besser dran als die Masse der hungernden oder auf Medikamente wartenden Zivilisten. Für die Offiziere aber steht viel auf dem Spiel. Sie besetzen Schlüsselposten in der Wirtschaft. Von der ist zwar nicht viel übrig, aber genug, um den Bonzen ein bequemes Leben zu bieten.

          Venezuela

          Karibik

          Maracaibo

          Caracas

          Ciudad Guayana

          VENEZUELA

          VENEZUELA

          GUYANA

          KOLUMBIEN

          BRASILIEN

          250 km

          916445 km2

          Landesfläche

          31 Millionen

          Bevölkerung 2018

          –18 Prozent

          Veränderung des BIP 2018

          7 Prozent

          Arbeitslosenquote 2013:

          34 Prozent

          Arbeitslosenquote 2018:

          Ölförderung

          in Mio. Barrel/Tag

          2,4

          Hauptabnehmer sind die

          Vereinigten Staaten mit

          0,4 Mio. Barrel/Tag

          1,2

          Jan. 2013

          Dez. 2018

          Länder mit den größten Ölreserven

          Weltanteil 2017

          3. Kanada

          2. Saudi-Arabien

          1. Venezuela

          10%

          16%

          18%

          BIP je Einwohner

          in tausend Dollar/Jahr1)

          18

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          13

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          2015

          2016

          2017

          2018

          1) Inflations- und kaufkraftbereinigt. Deutschland zum Vergleich: 47000 Dollar 2018.

          1370000

          Inflationsrate

          zum Vorjahr in Prozent

          1088

          254

          112

          57

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          2013

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          2016

          2017

          2018

          Quellen: IWF; BP; Auswärtiges Amt; Bloomberg; F.A.Z.-Archiv/F.A.Z.-Grafik Brocker

          Venezuela

          2,4

          Karibik

          Maracaibo

          Ölförderung

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          in Mio. Barrel/Tag

          Ciudad Guayana

          VENEZUELA

          Hauptabnehmer sind die

          Vereinigten Staaten mit

          0,4 Mio. Barrel/Tag

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          BRASILIEN

          Länder mit den größten Ölreserven

          Weltanteil 2017

          250 km

          916445 km2

          Landesfläche

          31 Millionen

          Bevölkerung 2018

          –18 Prozent

          Veränderung des BIP 2018

          7 Prozent

          Arbeitslosenquote 2013:

          3. Kanada

          2. Saudi-Arabien

          1. Venezuela

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          Arbeitslosenquote 2018:

          BIP je Einwohner

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          2018

          1) Inflations- und kaufkraftbereinigt. Deutschland zum Vergleich: 47000 Dollar 2018.

          Quellen: IWF; BP; Auswärtiges Amt; Bloomberg; F.A.Z.-Archiv/F.A.Z.-Grafik Brocker

          Venezuela

          BIP je Einwohner

          in tausend Dollar/Jahr1)

          2,4

          Karibik

          18

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          Ölförderung

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          13

          in Mio. Barrel/Tag

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          Ciudad Guayana

          VENEZUELA

          Hauptabnehmer sind die

          Vereinigten Staaten mit

          0,4 Mio. Barrel/Tag

          VENEZUELA

          GUYANA

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          1370000

          Länder mit den größten Ölreserven

          Inflationsrate

          Weltanteil 2017

          zum Vorjahr in Prozent

          250 km

          1088

          916445 km2

          Landesfläche

          31 Millionen

          Bevölkerung 2018

          254

          –18 Prozent

          Veränderung des BIP 2018

          112

          57

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          7 Prozent

          Arbeitslosenquote 2013:

          3. Kanada

          2. Saudi-Arabien

          1. Venezuela

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          10%

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          Arbeitslosenquote 2018:

          Quellen: IWF; BP; Auswärtiges Amt; Bloomberg; F.A.Z.-Archiv/F.A.Z.-Grafik Brocker

          1) Inflations- und kaufkraftbereinigt. Deutschland zum Vergleich: 47000 Dollar 2018.

          Zwar dürfte sich dieses System mittelfristig selbst zerstören, denn auch ohne die Wiederkehr einer handlungsfähigen Opposition würde das Regime mit seiner Misswirtschaft auf einen Abgrund zutreiben. Die Inflationsrate liegt bei mehreren Millionen Prozent, in den Geschäften fehlt es am Nötigsten, etwa jeder zehnte Einwohner ist schon geflohen, und nach einer Studie haben die Venezolaner schon 2017 durchschnittlich elf Kilogramm abgenommen – all das im Land mit den größten Ölreserven der Welt. Dennoch ist es fraglich, ob Guaidó genug Statur hat, um Offiziere und andere Regimestützen zu einem Seitenwechsel zu bewegen. Andere Truppen hat er nicht – und das Volk ist erschöpft.

          Was die Regimegegner haben, ist die verbale Rückendeckung von vielen südamerikanischen Staaten, von der Trump-Regierung in Washington sowie, mit Abstrichen, von der EU. Erst einmal motiviert das die Opposition. Steckt aber mehr dahinter? Wenn die Staaten der Welt ihre 2005 proklamierte „Schutzverantwortung“ ernst nähmen, dann hätte sie den Venezolanern wohl spätestens dann zu Hilfe kommen müssen, als Maduro Chávez’ Erbe antrat und das Land in eine lupenreine Diktatur verwandelte. Doch das Konzept, wonach Souveränität mit Verantwortung für die Bevölkerung einhergeht, ist spätestens seit der Libyen-Intervention von 2011 tot. Sowieso stehen zwei Vetomächte im UN-Sicherheitsrat dem Maduro-Regime bei: China bekommt seine Kredite in Öl zurückgezahlt, und die russische Luftwaffe hat im „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten einen praktischen Stellplatz für ihre Bomber gefunden.

          Auch Kolumbien sehnt sich nicht nach einer Intervention

          Allerdings dürften sich selbst glühende Verfechter humanitärer Interventionen bei dem Gedanken schütteln, dass etwa die Rechtsnationalisten in Washington und Brasília, Donald Trump und Jair Bolsonaro, militärisch einen Regimewechsel in Caracas herbeiführen – dem Caracas, in dem lateinamerikanische Linke lange einen „bolivarischen“ Leuchtturm erkennen wollten und das heute nicht nur in Kuba oder Bolivien, sondern sogar in Mexiko Verbündete weiß. Deshalb wird sich auch der Nachbar Kolumbien, der wie Brasilien mit einem seit Monaten schwellenden Flüchtlingsstrom zurechtkommen muss, nicht nach einer Intervention sehnen, während daheim gerade erst wieder der linke Terror sein Haupt erhoben hat. Weil Trump schon 2017 öffentlich von einer „militärischen Option“ in Venezuela gesprochen hat, fällt es Maduro nicht schwer, Guaidó als Marionette von „Gringo-Putschisten“ abzutun.

          Bald ist es hundert Jahre her, dass Venezuelas Ölreservoir angebohrt wurde. Seitdem lastet der „Fluch des Öls“ auf dem Land, das heute als besonders tragischer Fall eines gescheiterten Petrostaats gelten muss. Reihum versagten Diktatoren wie demokratisch gewählte Politiker bei der Aufgabe, den Reichtum für nachhaltige Investitionen zu nutzen und die krasse Ungleichheit zu bekämpfen. Nie immunisierte sich das Land gegen die Launen des Weltölmarkts. Als Chávez 1998 an die Macht kam, alimentierte er zunächst in großem Stil die Armen. Doch auch er war bloß von Gier getrieben. Das Einzige, was er aufbaute, war ein gleichgeschaltetes politisches System mit einem nach kubanischen Blaupausen konstruierten Unterdrückungsapparat. Unter Maduro ist das karibische Volk in eine kollektive Depression verfallen. Hat es nach Jahren der Entbehrungen die Kraft und die Mittel, sich seine Freiheit zu erkämpfen?

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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