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Maas in Beirut : Helft uns, aber gebt nichts unserer Regierung!

Außenminister Heiko Maas am 12. August auf dem Hafengelände in Beirut Bild: Imago

Eine Woche nach der Explosion besucht Außenminister Maas das zerstörte Hafengelände in Beirut. Er trifft auf wütende Libanesen und dringt auf Reformen im Libanon.

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          „Sie hatten keine Chance“, sagt Heiko Maas leise. Fast so, als spreche er zu sich selbst. Der deutsche Außenminister steht auf einem Erdwall vor dem riesigen, mit stinkendem Wasser gefüllten Krater im Hafen von Beirut, in dem gerade eine Gruppe Taucher nach Leichenteilen sucht. Mass steht inmitten einer bizarren Trümmerlandschaft. Metallschrott legt sich wie Gestrüpp über das Gelände, ein Schiff ist von der gewaltigen Druckwelle deformiert worden, als wäre es aus Papier. Im Rücken erhebt sich die riesige Ruine des zerborstenen Getreidesilos, das für die Leute schon längst zum Monument der Katastrophe geworden ist. Der Chef des Zivilschutzes versucht, diese Bilder der Zerstörung für den deutschen Besucher zu ordnen. Gerade hat er Maas berichtet, wie an jenem Dienstag voriger Woche die Feuerwehrleute zum Hafen rasten, als dort ein Feuer gemeldet wurde. Sie hatten keine Chance. Sie rückten in den sicheren Tod aus.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Afif Deeb ist einer der Feuerwehrleute, die knapp mit dem Leben davonkamen. „Sie waren gerade dabei, die Ausrüstung auszuladen und aufzubauen“, sagt er über seine Kameraden, die im Feuersturm umkamen. „Und dann: Bumm!“. Sechs Leichen konnten geborgen werden, vier werden noch immer vermisst. Deeb, ein Hüne mit tätowierten Unterarmen und blondem, kurzgeschorenem Haar, ist müde, weil er und die Freiwilligen des Zivilschutzes seit nunmehr acht Tagen im Dauereinsatz sind. Vor allem aber ist er unfassbar wütend auf die Politiker seines Landes. „Der französische Präsident war hier, der deutsche Außenminister ist hier. Aber unseren Politikern sind wir egal. Sie interessieren sich nicht für uns.“ Es folgt ein verzweifelter Appell: „Helft uns!“, sagt der Feuerwehrmann. „Helft uns mit Material, gebt uns Lastwagen, denn alles ist weg – aber gebt nichts unserer Regierung“ Ob er das dem deutschen Minister nicht selbst sagen wolle, der wenige Meter entfernt mit dem Zivilschutzchef steht? Da weicht Deeb instinktiv ein wenig zurück. „Dann bekomme ich Schwierigkeiten“, sagt er.

          „Jeder im Libanon muss erkennen, dass es so nicht weitergehen kann“

          Es wird aber nicht lange dauern, bis Heiko Maas einen eigenen Eindruck von der Wut erhält, die in der libanesischen Bevölkerung brennt. Er ist gekommen, um ihnen zuzuhören, wie er den Leuten immer wieder erklärt. Um zu helfen, das Zerstörte wiederaufzubauen. Und Deutschland werde dafür Sorge tragen, dass diese Hilfe nicht versickere. Der deutsche Außenminister steuert unmissverständliche den Kurs des französischen Präsidenten, der vorige Woche in Beirut sehr deutlich gemacht hatte, dass er dort war, um die Libanesen zu unterstützen und nicht die korrupte politische Klasse. „Das hat sich auch auf der Straße in Beirut gezeigt, dass es nicht viel in diesem Land gibt, was bleiben kann, wie es ist“, sagt Maas. „Jeder im Libanon muss erkennen, dass es so nicht weitergehen kann, dass das Land große Reformen braucht.“ Das, so versichert Maas auf Nachfrage knapp, werde er auch Präsident Michel Aoun sagen.

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