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Lyndon B. Johnson : Der interessanteste Präsident

Vor allem handelte er schnell. Die Verabschiedung der „Civil Rights Act“ vom 2. Juli 1964, mit der die Rassentrennung landesweit aufgehoben wurde, war die Meisterleistung eines strategisch denkenden Präsidenten, der selbst bockige Südstaaten-Senatoren zur Unterstützung bewegte. In seiner Rede an die Nation zeigte sich Johnson großzügig gegenüber den Anhängern der Rassentrennung. Geschichte, Traditionen und die „Natur des Menschen“ hätten zu diesem Konflikt geführt. „Ohne Groll oder Hass“, fuhr er fort, „können wir verstehen, wie all das geschah. Aber es kann sich nicht fortsetzen.“

„But it cannot continue“

Dieses „But it cannot continue“ ist einer der großen Sätze der amerikanischen Rechtsgeschichte, gesprochen von einem Mann, der im Lauf seiner Karriere zu jeder Heuchelei und jedem Kompromiss fähig war, um sein Ziel zu erreichen. Jetzt war das Ziel das größte überhaupt: die Chance auf Rechtsgleichheit für Millionen Entrechteter. Martin Luther King hatte an diesem historischen Schritt entscheidenden Anteil; aber es war Lyndon Johnson, der ihn ging. Mit einer „popular vote“ von mehr als sechzig Prozent, wie sie davor und danach kein amerikanischer Präsident erreicht hat, wurde er im November 1964 im Amt bestätigt.

Es folgte eine Reihe beeindruckender Reformvorstöße: öffentliche Gesundheitsversorgung durch „Medicare“ und „Medicaid“ 1965, der „Voting Rights Act“ im selben Jahr, Bildungs- und Kulturprogramme, sozialer Wohnungsbau, „Krieg gegen die Armut“. Unter dem Schirm von Johnsons „Great Society“ gelang Millionen Armen der Aufstieg in die untere Mittelklasse. Nur das militärische Engagement in Vietnam, das Eisenhower begonnen und Kennedy ausgebaut hatte, trübte das Bild. Und mit jedem Jahr mehr. Waren zu Beginn seiner Präsidentschaft 16 000 amerikanische Soldaten in Südostasien stationiert, waren es fünf Jahre später schon eine halbe Million.

Der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson im Gespräch mit Dr. Martin Luther King Jr. und anderen Bürgerechtlern am 18. Januar 1964 im Weißen Haus.

Es darf als Zeichen von Johnsons Ernsthaftigkeit verstanden werden, dass er den Verzicht auf eine zweite Amtszeit mit weiteren Bemühungen um Friedensverhandlungen verband. Seinem Bild in der Öffentlichkeit hat es kaum genützt. Die Protestgeneration, die jungen Linken und Friedensbewegten, hatten den Präsidenten abgeschrieben. Er starb 1973, mit nur 64 Jahren, nach einem Politikerleben, das mehr als vier Jahrzehnte nur gnadenlosen Verschleiß gekannt hatte.

Eine Hommage an die Genauigkeit

Lyndon Johnson tritt aus Caros Geschichtswerk als überlebensgroßer Beweger und Strippenzieher hervor, den man entweder als komplexen Charakter versteht – oder gar nicht. Denn auch das ist die Kunst seines Biographen. Er zeigt, dass Johnson ein vom Ehrgeiz zerfressener Machtpolitiker war – und zugleich ein Visionär, der für den gesellschaftlichen Frieden wohl mehr geleistet hat als irgendein anderer amerikanischer Präsident nach dem Zweiten Weltkrieg.

Seit mehr als vierzig Jahren arbeitet Caro nun schon am Buch seines Lebens. Es ergibt in der Summe das moderne Epos des Verfassungsstaats. Ein gewisser Optimismus ist noch darin zu spüren, der vorpopulistische Glaube, dass die Demokratie selbst die Mittel zur Korrektur ihrer Exzesse bereitstellt. „Truth takes time“, heißt es in Caros gerade erschienenem Buch „Working“, einem Einblick in seine Werkstatt: Die Wahrheit purzelt aus den Gesprächspartnern nicht heraus, man muss sich die Ruhe nehmen, sie hervorzulocken. So, wie Caros Werk vor uns steht, ist es nicht nur eine literarische Meisterleistung, sondern auch eine Hommage an die journalistische Tugend der Genauigkeit.

Enden soll das Unternehmen mit Band fünf – Erscheinungstermin ungewiss –, der natürlich auch vom Vietnam-Krieg handeln wird. Dafür will Caro ausgiebig in Südostasien recherchieren. Und das ist die einzige Gefahr, die seine Leser fürchten: dass er sich im Dschungel verliert, wörtlich oder metaphorisch, und das Magnum opus über Lyndon Johnson und seine Zeit unvollendet bleiben könnte.

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